Vögel haben keine Spatzenhirne, im Gegenteil: Raben gehören zu den klügsten Tieren. Die Mythen wussten es früh, jeden Morgen schickte Odin seine Raben „Hugin“ und „Munin“ – „Gedanke“ und „Erinnerung“ – in die Welt, um Neuigkeiten einholen zu lassen. Die Wissenschaft brauchte länger: Weil Vögel keinen Neokortex haben, in dem bei Säugetieren die Intelligenz sitzt, sprach man ihnen diese Fähigkeit prinzipiell und lange ab, so lange, bis man bemerkte, dass andere Hirnregionen einspringen. Vogelgehirne sind auch gleich groß – relativ – wie die der Schimpansen, und die Herausforderungen, die an das Organ gestellt werden, sind ähnlich: Beide leben in Gemeinschaften, in denen Information über die anderen Gruppenmitglieder und deren Verhalten wichtig ist.
Aber es gibt auch Unterschiede zwischen den Gruppen: Schimpansengruppen sind eher stabil, bei den jungen Raben ist es so, dass sie sich oft von ihren Gruppen abspalten und anderen anschließen, irgendwann wechseln sie wieder zurück, dann müssen sie sich gut erinnern. Bei Menschen ist es ähnlich, und daran liegt es vermutlich, dass wir in der Evolution gelernt haben, hunderte Gesichter und/oder Stimmen auch noch nach Jahrzehnten auseinanderzuhalten und zuzuordnen, den einen sehen wir gerne wieder, den anderen lieber nicht.
Erinnerung an verstecktes Futter
Haben nur und erst wir das gelernt? Oder haben andere auch ein gutes Gedächtnis? Schafe können sich zwei Jahre lang an Gesichter von Mitschafen erinnern, junge Seebären erkennen noch nach vier Jahren die Stimme ihrer Mutter. Aber die Meister sind wieder die Raben bzw. die Rabenvögel, amerikanische Tannenhäher etwa gehören dazu. Sie sind seltene Gedächtniskünstler, sammeln bis zu 30.000 Kiefernsamen, lagern sie an vielen Orten ein – und finden alle wieder.
Aber auch die Raben leben nicht vom Futter alleine, sondern auch vom Sozialen: Sie erinnern sich wie wir an alte Bekannte, Markus Boeckle und Thomas Bugnyar (Kognitionsbiologie, Uni Wien) haben es gezeigt. Sie haben Tiere, die im Konrad-Lorenz-Forschungszentrum in Grünau im Almtal paarweise aufgezogen und dann getrennt wurden – verteilt an viele Zoos –, nach drei Jahren akustisch wieder zusammengebracht, ihnen die Stimmen der anderen vom Tonband vorgespielt und ihre Antwortrufe ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass auf altvertraute Stimmen hin länger gekrächzt wurde als auf unbekannte. Und dass alten Freunden anders geantwortet wurde als alten Feinden.
Kamen Letztere zu Gehör, wurde die Antwort laut und tief und disharmonisch (Current Biology, 19. 4.). Die Forscher vermuten, dass die Tiere sich damit akustisch aufblasen, einen größeren Körper suggerieren als sie haben. Allerdings ist das noch nicht gesichert: Die Unterschiede der Antworten zeigten sich erst in elaborierten akustischen Analysen. Und bisher weiß man nicht, ob diese Differenzen auch an Rabenohren gelangen. Aber wir hören schließlich auch feinste Nuancen – und tun gut daran, vor allem in der höfischen Konversationsweise in Wien – warum sollten sie es nicht tun?
