Religion: Der bloße Anblick des Denkens schwächt die Kraft des Glaubens

26.04.2012 | 16:21 |  Von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Das Gehirn arbeitet analytisch und intuitiv, Letzteres tut es gerne bei religiösen Menschen. Aber schon kleine unterschwellige Signale – „priming“ – können das ändern.

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Wir sind nicht immer gleich, schon unterschwellige Umwelteinflüsse modulieren unser Empfinden und Denken. Wer sich sozial isoliert fühlt, weil ihm kalte Schultern gezeigt werden, der fröstelt auch am Körper, und wer eine Tasse warmen Kaffee in der Hand hat, dem rückt sich alles in ein warmes Licht. Diese Kraft des Subliminalen zeigt sich allerorten, auch dort, wo es gar nicht um Soziales geht: Allein der Anblick einer Kirche stimmt Menschen konservativ, Jordan Labouff (Baylor University) hat es im Vorjahr gezeigt, er hat Straßenpassanten um ihre politische Meinung zu verschiedenen Minderheiten gebeten, und die Antworten fielen neben Westminster Abbey in London anders aus als neben dem Rathaus von Maastricht (Int. J. Psych. Rel, 19. 1.).

Eine ähnliche Macht des Orts hatte man früher schon in Wahllokalen in den USA bemerkt: Wurde über die Erhöhung einer Steuer – und die Widmung des Betrags für Bildung – abgestimmt, war die Zustimmung in Schulen höher als in Kirchen.

„Analytisches Denken fördert Unglauben“

Aber es geht noch weiter: Schon der bloße Anblick von Rodins Plastik „Der Denker“ schwächt die Kraft des Glaubens, das hat Will Gervais (University of British Columbia) nun gezeigt. Er wollte die Hypothese überprüfen, „dass analytisches Denken religiösen Unglauben fördert“. Hintergrund ist die Vermutung, dass im Gehirn zwei Informationsverarbeitungs-Systeme mit- und gegeneinander arbeiten, ein analytisches (System 2) und ein intuitives (System 1). Letzteres erklärt undurchsichtige Phänomene gern mit übernatürlichen Kräften oder Teleologie etc., es ist in Religionen geläufig.

Und wer eine Religion hat, bei dem schlägt dieses System auch generell ins Informationsverarbeiten durch. Gervais hat zunächst Denkaufgaben gestellt: „Zwei Waren, A und B, kosten zusammen 1,10 Dollar. A kostet einen Dollar mehr als B. Wie viel kostet B?“ Es gibt zwei Antworten, eine rasche, intuitive (10 Cent), sie ist falsch, die richtige (5) findet sich auf analytischem Weg. Die Probanden, die auf 10 getippt hatten, zeigten beim anschließenden Abfragen des Glaubens („Der Glaube beherrscht mein ganzes Leben“ vs. „Ich denke nicht viel über Religion nach“ etc.) höhere Religiosität. Gläubige Menschen halten es offenbar eher mit der Intuition (Science, S. 336, S, 496).

Aber auch das lässt sich steuern, mit „priming“, Signalen, die man gar nicht bemerkt: Der Anblick des „Denkers“ von Rodin schwächte den Glauben der Testpersonen, der Anblick der griechischen Statue eines Diskuswerfers nicht. Und auch bloße Wörter wirken: Wenn Testpersonen Sätze aus fünf Wörtern wie „denken“ etc. bilden sollten, fiel die anschließende Auskunft über den Glauben schwächer aus als bei neutralen Wörtern wie „springen“ etc. Die Wirkung zeigt sich selbst dann, wenn es nur darum ging, irgendein Wort zu lesen: War es so schwer entzifferbar gedruckt, dass schon die Lektüre Konzentration brauchte, setzte sich in den Gehirnen auch in religiösen Fragen eher das analytische „System 1“ durch.

Wie das alles zugeht – und selbst, was Ursache ist und was Wirkung: die Religion oder der Denkstil – ist unklar, und die Forscher wollen die Fragen auch nicht verengen: Die Absenz von Gottesglaube kann viele Gründe haben, es liegt nicht am analytischen Denken allein. Und: „Unsere Studie schweigt zu den langen Debatten über den Wert und die Rationalität religiösen Glaubens.“

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68 Kommentare
 
12

Atheismus ist auch ein Glaube

Atheisten glauben eben an das NICHTS.

Gast: Lutz Berger
04.05.2012 09:15
2

Glauben

Wenn es keinen Gott gibt und ich glaube nicht an ihn, habe ich nichts verloren.
Wenn es keinen Gott gibt und ich glaube an ihn, habe ich nichts gewonnen.
Wenn es einen Gott gibt und ich glaube nicht an ihn, habe ic h alles verloren.
Wenn es einen Gott gibt und ich glaube an ihn, habe ich alles gewonnen.
Albert Einstein sagte mal :
"Es ist zu gefährlich, nicht an Gott zu glauen"

Antworten Gast: lavater
04.05.2012 10:44
1

Re: Glauben

Den ersten 4 Sätzen von Blaise Pascal stimme ich vollinhaltlich zu.
Das statement von Einstein führt aber in die Irre. Einsteins Glaube war nur ein schwacher Deismus. Irgendein undefinierter Deismus.

Blaise Pascal war nach langer Suche und nach langem Forschen - ich empfehle seine pensees zu lesen - überzeugter Nachfolger von Jesus Christus.

...Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben (1.Johannesbrief 5:20).

Ein Glaube an einen undefinierten Deismus, wie Einstein ihn hatte, führt nicht zum Ziel.


Gast: Unglaublich gläubig
01.05.2012 22:57
0

Bitte um Erklärung

„Zwei Waren, A und B, kosten zusammen 1,10 Dollar. A kostet einen Dollar mehr als B. Wie viel kostet B?“ Es gibt zwei Antworten, eine rasche, intuitive (10 Cent), sie ist falsch, die richtige (5) findet sich auf analytischem Weg.

Ich bin offensichtlich so gläubig, dass ich bis jetzt nicht begreife, warum die richtige Antwort 5 ist. Kann mir das bitte jemand erklären?

Antworten Gast: Grummelbart2
02.05.2012 09:47
0

Re: Bitte um Erklärung

Wenn Ware A 0,10 kostet und Ware zwei 1,10, dann kosten die Waren zusammen mehr als 1,10 - nämlich 1,20.

Tatsächlich ist die mathematische Herleitung folgende:
A+B = 1,10
A = B+1

B + B +1 = 1,10
B+B= 0,10

B= 0,05
A = 1,05

Simpel.

Antworten Antworten Gast: Unglaublich gläubig
02.05.2012 16:42
0

Re: Re: Bitte um Erklärung

Vielen Dank. Die halbe Nacht hab ich gegrübelt, bis ich es endlich geschnallt hab. Natürlich nicht in so perfekter, schriftlicher Form wie Sie das hier dargestellt haben. Dabei bin ich nicht einmal besonders gläubig, die Ausrede hab ich also auch nicht. Nur mathematisch ziemlich unbegabt. (Naturblöd könnte man auch sagen.)

.....und die Antworten fielen neben Westminster Abbey in London anders aus als neben dem Rathaus von Maastricht

Das ist ein klassischer Fall von einer Verzerrung einer Zufallsgruppe! Die Antworten sind nur dann vergleichbar und auswertbar, wenn die ausgewählte Personengruppe entsprechende gleiche relevante Merkmale aufweist.

Gast: coon
28.04.2012 15:26
1

.

Woher weiss ein regibuälgnU was ein Gläubiger denkt oder fühlt?

Antworten Gast: Be-obachter
30.04.2012 09:44
3

Re: .

Glauben bedeutet: nicht zu wissen. Von diesem Standpunkt aus schätzt man Gläubige ein.
Egal, ob jemand an Geister, Götter oder Ufos glaubt.

Antworten Antworten Gast: coon
02.05.2012 14:21
0

Re: Re: .

Woher wollen Sie wissen was Glauben bedeutet?

Antworten Antworten Antworten Gast: woherr
09.05.2012 20:15
0

So kindisch

Woher wollen Sie wissen, was Wissen bedeutet?

Gast: lavater
28.04.2012 10:37
4

Wer denkt, muss glauben - die Frage ist nur, was der richtige Glaube ist

Die Argumentation von Richard Dawkins, dass es einfacher sei, zu glauben, dass mit Materie und Energie der Anfang zu setzen sei und nicht mit einem allmächtigen Gott, der Materie und Energie, Raum, Zeit und Naturgesetze geschaffen hat, ist schon ein bisschen unlogisch. Also: auch Richard Dawkins denkt, aber er will "einfacher" denken. Einfacher wird in diesem Fall aber unlogischer heißen.

Die Frage ist also nicht: Ist Denken ein Gegensatz zum Glauben? sondern: "Was ist der richtige Glaube". Hier ist jeder Mensch gefordert, ernstlich zu suchen und nicht einfach "einfach" zu denken.

Die Natur zeigt jedem Menschen, dass Gott existiert. Aber sie zeigt nicht, WAS der richtige Glaube ist.

Da sich aber "der wahrhaftige Gott und das ewige Leben" geoffenbart hat, empfiehlt es sich, ernstlich und gründlich einmal in der Bibel, im Wort Gottes nachzulesen - und am besten gleich mit dem Lukas- oder Johannes-Evangelium anzufangen.


Re: Wer denkt, muss glauben - die Frage ist nur, was der richtige Glaube ist

wenn ich mir in einem Punkt ganz sicher bin, dann dem dass es den Schöpfergott nicht gibt.

Der Gedanke ist mittlerweile so armselig, abgehaust - da er immer auf ein Leben in der Matrix hinausläuft...

Die Natur zeigt gar nix - der Natur ist es wurscht - und das ist gut so...


Antworten Antworten Gast: bunte katze
01.05.2012 23:00
1

Re: Re: Wer denkt, muss glauben - die Frage ist nur, was der richtige Glaube ist

Für sich selbst können Sie ja ganz sicher sein - das ist aber trotzdem nichts weiter als auch eine Form des Glaubens. Oder können Sie stichhaltige Beweise liefern?

Re: Wer denkt, muss glauben - die Frage ist nur, was der richtige Glaube ist

Glaube macht eben dumm!

Von der Vorstellung der Erde als Scheibe und Mittelpunkt des Kosmos über die Schöpfung von Adam aus Lehm,der Eva aus seiner Rippe bis zur jungfräulichen Geburt der Maria(Miriam),Mister Lavater!

Und Millionen Menschen

wurden im Kampf um den richtigen Glauben

im Laufe der Menschheitsgeschichte

gegenseitig brutal abgeschlachtet.

Glauben gibt es natürlich auch in den Naturwissenschaften,

aber durch objektive NATURWISSENASCHAFTLICHE Versuche werden Irrtümer immer wieder korrigiert,

im Gegensatz z.B.

zu den religiösen ALTEN Schriften der Evangelien,

an denen manche Menschen verzweifelt und unreflektiert hängen,

wie Säuglinge an der Mutterbrust im frühkindlichem Stadium.

Antworten Antworten Gast: TvA
28.04.2012 22:12
3

Re: Re: Wer denkt, muss glauben - die Frage ist nur, was der richtige Glaube ist

@Aaron: Heutzutage hängen Menschen eher "verzweifelt und unreflektiert" an dem, was sie für Naturwissenschaften halten, nicht wahr?
Im atheistischen, insbesondere gegen den judeochristlichen Glauben gerichteten Kampf des Bolschewismus, Nationalsozialismus und Maoismus sind weit mehr Menschen umgekommen, als bei der gewaltsamen Ausbreitung des Islam - da sind die Verbrechen der für christlich gehaltenen bzw. so selbsternannten Herrscher des Mittelalters ja "Peanuts"!
Die "verzweifelten und unreflektierten" Protagonisten des Unglaubens im 20. und 21. Jh. haben in der Beurteilung der Lage offenbar neben dem Verstand auch jedes Maß verloren, können Sie dem zustimmen?

Re: Re: Re: Wer denkt, muss glauben - die Frage ist nur, was der richtige Glaube ist

Bitte,bitte!

Der Nationalsozialismus und Kommunismus waren und sind auch Religion und Glaube!

An Wotan bis Lenin!

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: TvA
30.04.2012 11:43
2

Re: Re: Re: Re: Wer denkt, muss glauben - die Frage ist nur, was der richtige Glaube ist

Nun, nur wenn wir "den Glauben" gezielt unscharf definieren, scheint ein solcher "Glaube" an die Gartenzwerge, die "Wissenschaft", einen "-ismus" gleich dem judeochristlichen Glauben an den einen Gott.
Inwieweit ein Glaube "richtig" ist, kann mit Hilfe der Logik z.B. über dessen Antworten auf vielfältige Fragen verifiziert oder falsifiziert werden.
Es versteht sich von selbst, dass dabei sorgfältig vorgegangen werden muss, "da ein kleiner Fehler am Anfang am Ende ein großer ist".

Re: Re: Re: Re: Wer denkt, muss glauben - die Frage ist nur, was der richtige Glaube ist

Es ist schon immer wieder lustig wenn die "Gott mit uns" Gesellen als Atheisten hingestellt werden, nicht?

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: TvA
30.04.2012 14:09
3

Re: Re: Re: Re: Re: Wer denkt, muss glauben - die Frage ist nur, was der richtige Glaube ist

Der Chef der "Gott mit uns" - Gesellen sagte im Juli 1941 "... Auf die Dauer vermögen Nationalsozialismus und Kirche nicht nebeneinander zu bestehen."
Sein Henkershelfer "Himmler betrachtet die Hexenprozesse als Verbrechen am deutschen Volk. Schuldig daran sei die katholische Kirche gewesen, die altgermanisches Erbe vernichten wollte. Zudem vermutet er, wie bei fast allen vermeintlichen Verbrechen am deutschen Volk, eine jüdische Verschwörung als Hintergrund."
Die gefühlte Mehrheit der damaligen möchtegern-Großgermanen ist den abstrusen Aberglauben an "Ahnenkult und Blut und Ehre" auf den Leim gegangen und ihre Kinder und Enkel haben offenbar den entnazifizierten Antikatholizismus geerbt und leben ihn heute aus ...

Mal abgesehen von der historischen Fragwürdigkeit ...

Das kanns doch wohl wirklich nicht sein.

"Ich bin besser, weil die anderen mehr Menschen ermordet haben."

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: lavater
02.05.2012 11:28
0

Re: Mal abgesehen von der historischen Fragwürdigkeit ...

Und das ärgert mich ein bisschen, dass eben Dawkins in seinem Buch "The God Delusion" so argumentiert.

Diese Art der Argumentation haben sie als falsch entlarvt. Dawkins hat aber auch Stalin und Pol Pot ausgeklammert. Seine Argumentation ist zusätzlich historisch falsch.


Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: lavater
01.05.2012 10:19
0

Re: Mal abgesehen von der historischen Fragwürdigkeit ...

Lieber Bernd,

du hast recht, dass solche Argumente mies sind. Aber wer hat damit angefangen? Ist es nicht Richard Dawkins, der immer wieder aufzeigt, wie grausam Religionen waren? (Was auch stimmt). Aber er verschweigt eben, dass Stalin viel mehr Menschen auf dem Gewissen hat.

Und warum ist auch - laut Dawkins - moderate Religion schlecht? Weil moderate Religion zur Fanatisierung und damit zur Grausamkeit führen kann.

Dann könnte man auch so argumentieren, dass moderater Atheismus schlecht ist, denn dies wäre dann die Vorstufe von Stalin.

Aber fast auf allen atheistischen Webseiten wird so argumentiert.


Re: Re: Mal abgesehen von der historischen Fragwürdigkeit ...

Wenn Atheismus mit irgendeiner Ideologie in Verbindung gebracht wird, dann liegt wohl ein grundsätzliches Missverständnis darüber vor, was Atheismus bedeutet. Die Abwesenheit von Glauben nämlich, nicht mehr und nicht weniger. Als Atheist kann man Humanist, Kommunist, Faschist, Rassist, Feminist, Philanthrop, links, rechts, Pazifist, Kriegstreiber, Moderat etc. sein, genauso wie als gläubiger Mensch. Der Unterschied ist nur, dass man als Atheist nicht aus übernatürlicher Quelle zu seinen Überzeugungen kommt.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: lavater
01.05.2012 20:23
0

Atheismus ist intellektuell "self defeating"

@pck0

Ihre obigen Ausführungen sind richtig, aber die erste Prämisse, der Atheismus stimmt nicht.
Es gibt nämlich von der Logik her keinen Atheismus, die Idee des Atheismus ist "self defeating".

Wenn sie Gott nicht beweisen können, können sie auch nicht beweisen, dass es KEINEN Gott gibt.
Sie KÖNNTEN beweisen, dass es keinen Gott gibt, wenn sie ALLWISSEND wären und aufgrund ihres Wissens sagen könnten, dass es eben keinen Gott gibt. Sie sind aber nicht allwissend, sondern wissen vielleicht nicht einmal 1% des gesamten verfügbaren Wissens.

Somit bleibt dem redlichen denkenden Menschen, der nicht an Gott glauben kann oder will, und trotzdem ehrlich denken will, nur ein VORSICHTIGER Agnostizismus.
Atheismus ist also intellektuell "self defeating".


Re: Atheismus ist intellektuell "self defeating"

Beim Agnostizismus geht es nicht um Glauben sondern um Wissen. Man kann Glauben an Götter haben ohne sicher zu wissen, ob es sie gibt, agnostischer Theismus also. Genausogut kann ich keinen Glauben an Götter haben, ohne sicher zu wissen, ob es sie gibt, agnostischer Atheismus also.

 
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