Etwa 5300 Jahre lag er im Eis, und als der Gletscher ihn 1991 freigab, war er so gut erhalten, dass man ihn für das Opfer eines nicht lange zurückliegenden Unfalls oder Gewaltverbrechens hielt. Sein wahres Alter bemerkte man rasch, die Todesursache fand sich erst zehn Jahre später, als Ötzi von der Uni Innsbruck nach Bozen überführt worden war. Die dortigen Ärzte hatten schärfere Augen: In der linken Schulter steckte eine Pfeilspitze, und die rechte Hand war zerschnitten, wohl bei der Abwehr eines Messerangriffs. Seither vermutet man, dass Ötzi dort erschlagen wurde – oder im Kampf zu Tode stürzte –, wo man ihn später fand.
Ganz gesichert ist diese „Desaster-Theorie“ nicht, aber inzwischen weiß man vieles über den Mann aus dem Eis, etwa durch Genanalysen. Die des Mageninhalts klärten sein letztes Mahl – Steinbock und Körner –, und seine eigenen zeigten, dass der etwa 45-Jährige auch ohne Kampf nicht mehr lange gelebt hätte, er litt an Arteriosklerose, zumindest hatte er Risikogene. Gene halten sich lange im Permafrost, insofern war die Sequenzierung von Ötzis Genom im Frühjahr keine große Überraschung. Mit Proteinen oder ganzen Körperzellen ist es anders, man suchte bisher vergeblich etwa nach dem ganz besonderen Saft: Man weiß nicht, wie lange Blut sich hält, aus der Zeit Ötzis kannte man keines, von ihm selbst auch nicht. Aber nun ist Albert Zink (Mumieninstitut Bozen) fündig geworden, in den Wunden an Kopf und Hand: Extrem starke Mikroskope haben Gebilde ans Licht gebracht, die so groß sind wie rote Blutzellen, und deren Form haben sie auch. (Sie sind konkav wie Donuts, weil kurz nach ihrer Bildung die Zellkerne aus ihnen auswandern.)
Proteine von Hämoglobin sind noch da
Und auch die von Ötzi enthalten jenes Protein – Porphyrin –, das der Hauptbestandteil von Hämoglobin ist. Das bezeugen „Raman-Spektren“. Bei dieser Methode werden Proben mit Laser beschossen, und aus dem Streulicht kann man schließen, woraus die Proben bestehen. Bei Ötzi war das außer Hämoglobin noch Fibrin, das ist ein Protein, das Wunden verklebt – Blut gerinnen lässt –, sich aber später wieder zurückbildet. Zu Letzterem war bei Ötzi offenbar keine Zeit, das Fibrin stützt die Hypothese vom Tod im Kampf (Roy. Soc. Interface, 1. 5.). Aber auch andere mögliche Todesursachen können rote Blutzellen verraten, durch ihre Form, die ändert sich etwa beim Befall mit Malaria. Und sie ist auch bei Ötzis Zellen verändert. Aber das sagt (noch) nichts aus: Diese Verformungen hätten auch in Zinks Labor entstehen können, bei der Präparation der Proben.
