Pandemiegefahr: Das riskante Virenrezept ist da

Forscher haben Grippeviren produziert, die es in der Natur nicht gibt und die gefährlicher sind als alles, was es in der Natur gibt. Lange wurde gestritten, ob die Experimente an die Öffentlichkeit gelangen sollen.

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(c) APA (HANNES MARKOVSKY)

"Es gibt keinen Zweifel, dass diese Information dazu benutzt werden könnte, eine Pandemie-Linie dieses Virus zu entwickeln. [. . .] Die Information könnte von einem Aggressor benutzt werden, sie zeigt einen Baustein für die Entwicklung einer potenziellen Biowaffe." Das steht in einer Art Beipackzettel zu einer Publikation in Nature, und so etwas hat es noch nicht gegeben. Aber auch so eine Publikation hat es noch nicht gegeben, sie enthält das Rezept für „vermutlich eines der gefährlichsten Viren, die man herstellen kann“. So beschrieb Ron Fouchier (Rotterdam) letzten Herbst, was er hergestellt hatte: eine Variante des Vogelgrippevirus H5N1, die es in der Natur nicht gibt und die nach Einschätzung von Science so gefährlich ist, dass sie den „Lauf der Weltgeschichte“ verändern könnte.


H5N1 tauchte 1997 in Ostasien auf, seitdem starben Millionen Vögel und 340 Menschen. Das klingt in absoluten Zahlen harmlos, aber es waren fast zwei Drittel aller Infizierten – 577 –, die den Tod fanden. Bei der bisher ärgsten Pandemie – der Spanischen Grippe 1918/19 – starben nur 2,5 Prozent der Infizierten, es waren Millionen. Die enorme Opferzahl kam daher, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wurde. Beim viel tödlicheren H5N1 ist das nicht so, es geht nur direkt von Vögeln auf Menschen, von Mensch zu Mensch geht es nicht.

Laborkreatur ermöglicht direkte Infektion


Ging es nicht. Denn die Laborkreation von Fouchier – und eine zweite von Yoshihiro Kawaoka (Wisconsin-Madison) – ist durch kleine Genmanipulationen so verändert, dass sie von Frettchen zu Frettchen geht, das sind die Versuchstiere, die bei Grippe Menschen am ähnlichsten sind. Darf man so etwas herstellen? Publizieren? Der US National Science Advisory Board for Biosecurity (NSABB) rief: Nein! Das Labor-H5N1 könne von Bioterroristen missbraucht werden, sein Rezept dürfe keinesfalls an die Öffentlichkeit. Aber nach langem Hin und Her schwenkte der NSABB um, jetzt ist die erste Publikation da, in Nature (2. 5.): Kawaoka hat sein Experiment beschrieben, er hat es auch mit dem Beipackzettel legitimiert, für ihn überwiegen die Vorteile. Nur so könne man sich für den Fall rüsten, dass ein ähnliches H5N1 doch eines Tages aus der Natur komme. (Fouchier ist beim Konkurrenten Science unter Kontrakt, seine Arbeit ist noch nicht erschienen.)


Nun ist es also in der Welt. Das wäre es allerdings auch, wenn es nicht in Nature stünde, genug Forscher in den Labors kennen das Rezept, sie haben auch Teile auf Tagungen vorgetragen. Insofern ist es durchaus angebracht, dass es nicht Geheimwissen dieser Handvoll bleibt, sondern allen zugänglich wird, die Impfstoffe entwickeln wollen.
Aber die Grundfrage liegt tiefer und ist alt, mindestens so alt wie der „Zauberlehrling“ und „Frankenstein“, zuletzt wurde sie von „Dr. Strangelove“ aktualisiert: Darf die Wissenschaft den Untergang eines Teils oder gar der ganzen Menschheit riskieren? Bevor die erste Atombombe zum Test kam, sorgten sich manche der Beteiligten, die Kettenreaktion könne die ganze Atmosphäre zünden. Der Vergleich hinkt nicht gar so stark, niemand weiß wirklich, was passieren würde, wenn das Labor-H5N1 in falsche Hände geriete oder, realistischer, schlicht aus den Labors entkäme. (Das hat es bei anderen Erregern schon gegeben.)


Darf man es also riskieren, muss man es? Weder Wissenschaft noch Politik haben Verfahren zur Entscheidung darüber, ob Entwicklungen mit „dual use“ – die z. B. zu Heilmitteln führen, die auch als Mordinstrumente nutzbar sind – überhaupt stattfinden sollen dürfen. Für manche wäre das das Ende der Forschungsfreiheit, aber der Klärungsbedarf steigt: Er begann in der Medizin, bei der Suche nach Abwehr gegen Biowaffen, Anthrax hatte Konjunktur nach 9/11. Aber um etwas gegen Anthrax entwickeln zu können, muss man erst einmal Anthrax haben (und so kamen die nach 9/11 in den USA versandten Bakterien aus einem US-Militärlabor).
Bei H5N1 ist es nicht anders. Aber es muss gar nicht um den Weltuntergang gehen, die Probleme des „dual use“ werden überall drängender: Die Hirnforschung etwa wird immer erfolgreicher beim Gedankenlesen und beim Gedankensteuern, Ersteres soll Querschnittsgelähmten Bewegungsfreiheit bringen, Letzteres Erinnerungen an Traumata ausradieren. Aber man könnte natürlich auch Waffen damit steuern und Soldaten von der drückenden Erinnerung an ihre letzten Taten befreien. Und viele dieser Forschungen bezahlt das Militär. Jonathan Moreno (Penns) hat gerade darauf aufmerksam gemacht und seine Kollegen zur Debatte aufgerufen (PLoS Biology, 20. 3.). Ohne jede Resonanz: Das Wissenschaftsgeschäft ist hart – „publish or perish!“ –, und die Platzhirsche unter den Journals, Nature und Science, konkurrieren um Sensationen.

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