Gen-Geheimnis des Menschen: Gehirnbremse?

03.05.2012 | 16:46 |  von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Ein verdoppeltes Gen könnte für eine bessere Verdrahtung von Hirnzellen gesorgt haben

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Welche Gene den Menschen zum Menschen mach(t)en, ist völlig unklar; alle Hoffnungen, die Schlüssel in der DNA zu finden, haben sich zerschlagen. Es gibt ganze zwei Kandidaten, beide hängen mit dem Sprechen zusammen: Unsere Variante von FOXP2 steuert im Gehirn sowohl die Motorik des Sprechens wie den Bau der Grammatik; und unsere Kiefermuskulatur hat sich durch eine Mutation von MYH16 so weit zurückgebildet, dass der Sprechapparat fein genug arbeiten kann. Außerdem haben sich noch ein paar Transkriptionsfaktoren und microRNAs gewandelt, vielleicht folgenreich, das ist alles.

Aber irgendetwas muss uns gemacht haben, vor allem im Gehirn. Dort ist Evan Eichler (Scripps) auf eine Verdoppelungen des Gens SRGAP2 vor etwa 2,5 Millionen Jahren gestoßen, damals bahnte sich der Übergang von Australopithecus zu Homo erectus an und mit ihm ein starkes Wachstum des Gehirns. Dabei könnte die Verdoppelung mitgespielt haben und paradoxerweise dadurch, dass sie unvollständig war: Das Original-SRGAP2 sorgt dafür, dass Hirnzellen Auswüchse bilden – Filopodia –, die ihnen die synaptischen Verbindungen mit anderen Zellen ermöglichen, es spielt auch bei der Wanderung der Zellen durch das Gehirn mit. Es bringt also die Zellen an ihren Ort und sorgt für die „Verkabelung“.

Mehr Zellverbindungen

Aber die verdoppelte Variante greift ein, sie schwächt die Wirkung des Originals: Die Filopodia wachsen langsamer, dafür wachsen mehr von ihnen. Das könnte die Kommunikation der Zellen stören, weil die elektrischen Aktivitäten im einen Auswuchs die im anderen beeinflussen. Aber weil die Filopodia langsamer wachsen, werden sie stärker ummantelt, isoliert (Cell, 3. 5.). „Man hat bisher vermutlich in den falschen Genregionen gesucht, um die Unterschiede zwischen Menschen und Menschenaffen zu erklären“, schließt Eichler: „Große Verdoppelungsereignisse könnten einen radikalen Wandel im Gehirn gebracht haben.“ SRGAP2 allein wird es nicht gewesen sein, aber man kennt noch etwa 30 andere Genverdoppelungen im Gehirn des frühen Menschen.

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5 Kommentare
Gast: Spiritus Sanctus
04.05.2012 13:04
1

Geistlos?

Lieber Lavater!

Ich verstehe ja, dass das Konzept der Entropie einfache Gemüter dazu verleiten kann, einen "Sinn" als ihr Gegenstück zu postulieren. Ich verstehe auch, dass zusätzlich zu "Geist" auch noch eine "Seele" konstruiert werden musste, als ersterer drohte naturwissenschaftlich erklärbar zu werden. Ich habe volles Verständnis dafür, dass manche, ja sogar die meisten Menschen einen imaginären Freund wie z.B. Gott brauchen, da durch dessen Vorhandensein das Leben Sinn bekäme.

Aber dass Sie den Tieren einfach Geist zu 100% absprechen, finde ich schlicht niederträchtig.

Gast: lavater
04.05.2012 11:26
2

Der Artikel sagt aus, dass der Übergang vom Tier - nennen wir es Affe oder GV oder wie auch immer - zum Menschen von den Genen her nicht restlos geklärt werden kann. Wer den Sprechapparat studiert, wird gleich bemerken, dass ja nicht nur die im Artikel erwähnten Teile eine Rolle spielen, sondern wesentlich mehr. Allein über die Unterschiede des Sprechapparates könnte man wahrscheinlich ein ganzes Buch schreiben.


Aber das Problem geht noch tiefer. Kann man eine zweidimensionale Ebene nur mit der Länge definieren? Oder einen Körper nur mit den Angaben von Länge und Breite?

Der Mensch ist dreidimensional (Körper, Seele und Geist). Im Artikel wird versucht, die Unterschiede zwischen Mensch + Tier nur auf Basis EINER Dimension, nämlich des Körpers (soma) zu defnieren. Selbst wenn dies gelänge, kann es doch nie zum Ziel führen, da nur eine Dimension untersucht wird.
Der Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht vor allem im Geist (pneuma), den das Tier nicht hat.
Mit einem grundlegend traditionell atheistischen Weltbild (= Am Anfang schuf Materie sich selbst und am Ende wird Materie+Energie mit maximaler Entropie sein, Sinn gibt es nur, soweit die Materie per Zufall einen Pseudosinn generiert hat, absolute Werte gibt es nicht, da ja der Zufall nie absolute Werte hervorbringen kann, usw. usw.) wird jetzt krampfhaft versucht, die soma-Unterschiede zwischen Affe und Mensch zu finden.

Der Mensch ist aber vom Tier, bedingt durch seinen Geist, weiter entfernt als der Osten vom Westen. Jedes Kind in Schönbrunn wird dies sofort intuitiv empfinden.


Antworten Gast: Jimmy
12.07.2012 07:57
0

Welch pneumalose Wortmeldung

Alter, das ist ein Presseartikel, keine Wissenschaftliche Abhandlung.
Und der Unterschied zwischen Tier und Mensch liegt in der Evolution.
Andernfalls müsste man sämtlichen geistlosen den Menschstatus aberkennen.


Der Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht vor allem im Geist (pneuma), den das Tier nicht hat.

Ganz simpel: Völlig an den Haaren herbeigezogene und unbewiesene Behauptung.

Wenn Sie von Ihrer Position aus nach Westen gehen, bewegen Sie sich auf derselben Linie, wie am Weg nach Osten. Somit haben Sie richtig erkannt: Es ist alles dasselbe.

Menschen sind Tiere. Mag sein, dass wir uns als wichtiger empfinden und deshalb eine Unterscheidung anstreben. Ist der Erde aber in uns unbegreiflichen Massstäben von Zeit wurscht.

Es gibt relativ wenige Spezies, die andere aus Jux und Tollerei töten. Wie man angesichts dieser Tatsache menschlichen "Geist" loben und auf die Existenz eines Sinns desselben schliessen kann, entzieht sich jeder Vernunft.

Antworten Gast: yamo
04.05.2012 13:12
2

Und doch

ist der Geist vollständig abhängig vom Köper, weil dieser sozusagen die Hardware dafür ist. Ansonsten gäbe es ja keinen einzigen Grund warum Tiere keinen Geist haben (wobei diese Aussage aber sowieso höchst zweifelhaft ist, dazu müsste man zuallererst mal "Geist" definieren und dann von dieser Definition die Menschenzentrik abstrahieren). Und deshalb ist die Begründung auf der Körperlichkeit tatsächlich ein viel besserer Ausgangspunkt als wenn man alles vom Himmel fallen lässt, ohne die Möglichkeit der Nachvollziehbarkeit (es sei denn man lässt ein vom Himmel gefallenes Buch als nachvollziehbare Quelle gelten - aber das ist dann eben nicht naturwissenschaftlich sondern esoterisch).

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