Outsourcing: Herr, straf du für uns!

23.05.2012 | 01:05 |  von Jürgen Langenbach (DiePresse.com)

Allmächtige und allwissende Götter sorgen für Gerechtigkeit. Deshalb müssen sich gläubige Menschen weniger darum sorgen.

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Gesellschaften funktionieren nur, wenn alle Mitglieder die Normen einhalten, vor allem die unausgesprochene Norm der Fairness. Aber natürlich halten nicht alle die Normen ein, und manche fahren Trittbrett, dann werden sie mit Strafen zur Ordnung gerufen. Allerdings ist das für die Strafenden teuer, sie müssen entweder sich selbst engagieren oder in eine Überwachungs- bzw. Strafinfrastruktur investieren, Polizei und Justiz. Das Problem wächst mit der Größe der Gesellschaften, und so ist es kein Wunder, dass mit den ersten Städten auch die ersten Religionen mit starken und bisweilen zornigen Zentralgöttern kamen - das Strafen wurde an die Herren im Himmel outgesourct.

So erklären manche die Entstehung jener Religionen, deren Götter allgegenwärtig sind und allwissend, einen Vorgeschmack bieten die Augen auf den Totempfählen der Indianer: Ihnen entgeht kein Normverstoß. Später kam noch die Allmacht hinzu, zugleich wurde die Strafe bzw. die Drohung mit ihr ausgedehnt vom gegenwärtigen Leben auf das nach dem Tod. Das klingt plausibel, aber wie soll man es testen? Indem man gläubige und nicht gläubige Menschen in Situationen bringt, in denen sie strafen und dafür bezahlen sollen.

Altruistisches Strafen

Zu diesem Zweck bat Kristin Laurin (Waterloo, Kanada) Testpersonen ins Labor, je drei: A und B spielten das „Diktatorspiel". In dem erhält A vom Spielleiter Geld, echtes - 20 Dollar -, und er kann davon B abgeben, so viel er will, auch nichts, B muss akzeptieren. Aber C muss es nicht, er kann A bei unfairen Angeboten an B bestrafen - mit Geldabzug -, muss aber dafür eigenes Geld opfern.
Das nennt man „altruistisches Strafen" - es dient dem großen Ganzen und der guten Sache, in diesem Fall der Fairness -, und man kennt es nicht nur im Labor, es wird auch im Alltag praktiziert (dabei geht es nicht um Geld, sondern um Zeit oder Ärger, bis hin zum Risiko für Leib und Leben). Aber nicht von allen gleich, darauf wies das Experiment: Bekannte sich C zu einem starken Gottesglauben, befürwortete er zwar härtere Strafen, war aber selbst weniger bereit, sie auf eigene Kosten auszuführen. Das Gleiche zeigte sich in einem zweiten Experiment, in dem es - lebensnäher - darum ging, wie viel Geld man dem Staat geben würde, um einem Gauner das Handwerk zu legen. Wieder ließen die Gläubigen Gott einen guten Polizisten sein.

Das könnte natürlich auch daran liegen, dass Gläubige entweder wissen, dass wir alle Sünder sind, oder dass sie Gott in die Verantwortung nehmen, weil schließlich auch Normabweichler seine Geschöpfe sind. Aber das konnten die Forscher durch Zusatztests ausschließen (Proc. Roy. Soc. B, 22. 5.).: „Glaube an göttliche Kontrolle reduziert das irdische Strafen."

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