These: Religion als Mittel, die Vaterschaft sicherzustellen

Die Stammesreligion der Dogon in Mali schreibt menstruierenden Frauen die Isolation vor. Das diene der besseren Kontrolle ihrer Treue, sagen US-Forscher.

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Symbolbild – (c) REUTERS (JOE PENNEY)

Im Vatermord (und dem Schuldbewusstsein ob dieser urzeitlichen Tat) sah Sigmund Freud den Ursprung des Monotheismus; US-Anthropologen plädieren nun für eine andere Wurzel: die Sicherstellung der Vaterschaft. Es ist ja aus biologischer Sicht für Männchen und Männer, die sich um ihren Nachwuchs kümmern, wichtig, dass es wirklich ihr Nachwuchs ist. Verschärft wird diese Sorge in patriarchalischen Gesellschaften, in denen Besitztümer vom Vater auf die Söhne vererbt werden. Sie ist ein wesentlicher Antrieb für die Versuche der Männer, die weibliche Sexualität zu kontrollieren: Sie wollen – ob bewusst oder unbewusst – verhindern, dass sie „Kuckuckskinder“ aufziehen, also das vermeiden, was man auf Englisch „cuckoldry“ – von „cuckold“, Hahnrei – nennt.

Die Anthropologen von der University of Michigan gehen nun davon aus, dass es in allen fünf Weltreligionen – Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam, Judentum – ähnliche Vorschriften zur Beschränkung des Sexualverhaltens gibt. „Wir schlagen vor“, schreiben sie in Pnas (4.6.), „dass diese Gemeinsamkeit die gemeinsame kulturelle Lösung für ein biologisches Problem ist: nämlich die Unsicherheit der Männer, was ihre Vaterschaft angeht.“ Ihre Hypothese: Je strenger die einschlägigen religiösen Praktiken sind, umso erfolgreicher wird „cuckoldry“ verhindert.

Dazu untersuchten sie eine patriarchalische afrikanische Population, in der vier Religionen koexistieren: Bei den Dogon in Mali gibt es Protestanten, Katholiken, Moslems und Anhänger der – ebenfalls monotheistischen – Stammesreligion, in der ein Schöpfergott namens Amma verehrt wird. In dieser Religion müssen die Frauen, wenn sie ihre Regel haben, fünf Nächte in (ziemlich ungemütlichen) „Menstruationshütten“ verbringen. Das kommt aber relativ selten vor, denn die Dogon kennen keine Empfängnisverhütung, und die fruchtbaren Frauen sind die meiste Zeit schwanger. Wenn also eine Frau nach einer Geburt erstmals die Menstruationshütte aufsucht, wissen die Männer, dass sie empfängnisbereit ist und beaufsichtigen sie streng.

 

Christen gegen Menstruationshütten

Die christlichen Missionare versuchten erfolgreich, ihren Gläubigen den Brauch der Menstruationshütten auszureden. Das sollte bewirken, dass die Frauen ihre Empfängnisbereitschaft besser verbergen können und es auch leichter haben, ihre Männer zu betrügen, meinen die Forscher. Die islamischen Frauen verweigern zwar auch die Hütten, sind aber allgemein unter strengerer familiärer Kontrolle. Tatsächlich ergaben Vaterschaftstests an insgesamt 1317 Vater-Sohn-Paaren (nur Söhne, weil die Y-Chromosomen untersucht wurden), dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein „Vater“ gar nicht der Vater ist, bei Christen fünfmal so groß ist wie bei Anhängern der Stammesreligion. Der Unterschied zwischen Moslems und Familien, die die ursprüngliche Dogon-Religion praktizieren, erwies sich als nicht signifikant.

Religionen verfolgen eine doppelte Strategie, um Untreue der Frauen zu vermeiden, schreiben die Ethnologen: einerseits soziale Kontrolle im öffentlichen Raum, andererseits „die Angst vor göttlichen Strafen“. Offenbar ist aber zumindest bei den Dogon die erste Strategie erfolgreicher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2012)

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