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Entwicklung: Wie Geografie Geschichte machte

11.06.2012 | 21:00 |  Von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Kontinente, die sich in West-Ost-Richtung erstrecken, sind gesegnet, auf anderen lastet der Fluch der Nord-Süd-Achse. Diese Hypothese wurde nun bestätigt.

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Betrachten Sie die Karte der Erde und vergleichen Sie die Form und Orientierung der Kontinente! Ein offensichtlicher Unterschied wird Ihnen ins Auge stechen. Die beiden Amerikas erstrecken sich in Nord-Süd-Richtung über eine viel größere Distanz (9000 Meilen) als in West-Ost-Richtung: An der breitesten Stelle sind es nur 3000 Meilen, sie verengen sich am Isthmus von Panama auf 40.“ Ein ähnliches Bild bietet Afrika, ein ganz anderes hingegen Eurasien, es zieht sich von Westen nach Osten.
„Um diese Achsen herum entschied sich das Schicksal der Weltgeschichte“: Auf gleicher geografischer Breite – der West-Ost-Achse – herrscht das gleiche Klima, in ihm gedeihen die gleichen Nutzpflanzen und -tiere, dort konnte sich die Agrikultur, als sie im Nahen Osten erfunden worden war, rasch ausbreiten, in beide Richtungen, und ihr im Gefolge der Rest der Kultur, die Schrift etc. Von Süden nach Norden und umgekehrt versperren hingegen Klimazonen den Weg.

So erklärte das Multitalent Jared Diamond 1997 in „Guns, Germs and Steel“ den Unterschied zwischen dem früh fortgeschrittenen Eurasien und den heute noch zurückliegenden Armenhäusern in Afrika und Südamerika, und es klang durchaus plausibel. Aber wie soll man es testen, für einen breiten Vergleich gibt es schlichtweg zu wenige Kontinente? Diamond selbst hat es auch kleinräumiger versucht, etwa für das frühe Südchina oder die Sahelzone, die auch einmal blühte. Beide sind West-Ost-Achsen, bei beiden bewährte sich das Modell. Bei Nord-Süd-Achsen geriet der Forscher hingegen in Ungereimtheiten: Zwischen Mexiko und den Anden konnten die regional auch früh und hoch entwickelten Kulturen bzw. ihre Träger nicht leicht wandern, weil „heiße Ebenen“ Einhalt geboten. Die Bantu hingegen hätten auf ihrem Weg durch halb Afrika – von Norden nach Süden – „trockene Regionen wie Laubfrösche übersprungen.“

Viele Sprachen, wenig Chancen

Andere Forscher analysierten die Ausdehnung von Großreichen – und sahen Diamond für die Vergangenheit bestätigt, aber nicht für die Gegenwart –, wieder andere setzen auf beredte Zeugen: Die Vielfalt der Sprachen soll zeigen, wie stark voneinander isoliert oder eng miteinander verbunden einzelne Regionen sind. Geht es nach Diamond, muss die Vielfalt der Sprachen entlang den Nord-Süd-Achsen größer sein. Das hat sich in kleinem Maß früher bestätigt, nun hat es Politologe David Laitin (Stanford) auf der Ebene von 147 Staaten und ihren Sprachen versucht – und zur Vorsicht auf drei Variablen kontrolliert: (a) den Abstand vom Äquator, an dem die Sprachenvielfalt größer ist, (b) die Fruchtbarkeit der Böden und (c) die Gebirge, beide beeinflussen natürlich die Wanderbewegungen.

„In Übereinstimmung mit Diamonds Theorie der Kontinental-Achsen finden wir, dass der Grad, in dem ein Land eher Nord-Süd-Ausrichtung hat als West-Ost, in positiver Beziehung zur kulturellen Vielfalt steht (Pnas, 11. 6.). Das ist der generelle Befund, er ist allerdings mit Vorsicht zu genießen: Die Grenzen von Staaten sind nicht – wie die von Kontinenten – von der Natur gemacht, sondern in bitteren Kriegen erstritten und bisweilen mit dem Lineal am Schreibtisch gezogen. Deshalb hat Laitin „künstliche geografische Einheiten“ konstruiert, in ihnen hat er je einen Staat und seine Nachbarstaaten zusammengefasst. Auch das ist nur ein Hilfsmittel – die USA haben ganze zwei Nachbarn, Russland hat 14 –, aber es bestätigt den Trend. „Wir behaupten nicht, dass die historisch konditionierte kulturelle Diversität Gesellschaften ewig im Griff niederen ökonomischen Wachstums und hoher Gewalt hält“, schließt Laitin: „Aber Diamonds Achsentheorie erinnert daran, dass diese unglücklichen Ausgangslagen nicht von der Kultur, sondern von der Geografie kommen.“

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9 Kommentare
Gast: lavater
21.06.2012 17:44
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Sachlich möchte ich mich zu dieser "Theorie" nicht äußern,

aber was im Volksmund als "Theorie" bezeichnet wird, ist streng wissenschaftlich oft nicht einmal eine Hypothese.


Gast: Be-obachter
13.06.2012 19:50
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Die geografische Gestalt allein

wird vielleicht nicht allein die Entstehung von Hochkulturen begünstigen.
Da wird schon auch der Bevölkerungsdruck mitgeholfen haben, der den Wechsel der Jäger- und Sammlergesellschaft zur Ackerbau- und Viehzuchtgesellschaft formte.
Jäger und Sammler bilden eine eher statische Gesellschaft. Ackerbauern und Viehzüchter sind dazu prädestiniert, dynamisch zu agieren. Einmal sesshaft, kann nur mehr ständige Innovation die Nahrungsversorgung und die Sicherheit des Volkes bewahren.

Gast: Jean Delambre
12.06.2012 13:59
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Bitte keine Meilen verwenden!

In allen Ländern dieser Erde außer drei gilt das metrische System. Bitte Kilometer, keine Meilen.

Re: Bitte keine Meilen verwenden!

Sie verzeihen bitte, aber wenn ich Diamond zitiere, übersetze ich seinen Text, aber nicht seine Meilen

Antworten Antworten Gast: Korinthen Ausscheider
13.06.2012 12:17
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Re: Re: Bitte keine Meilen verwenden!

Dass es sich um ein Zitat handelt, würde deutlicher, wenn am Anfang des Artikels die Anführungszeichen gesetzt wären!

Re: Re: Re: Bitte keine Meilen verwenden!

da haben Sie völlig recht,
aber das Anführungszeichen am Ende des Zitats muss die ganze Last alleine tragen,
vorne geht es nicht, weil ich für die gedruckte Fassung schreibe und in der der erste Buchstabe eine Versalie ist

Jared Diamond

sei auch all jenen ans Herz gelegt, die aus Europa gerade einen Superstaat machen wollen.

Die Stärke Europas, die es diesem kleinen, westlichen Auswuchs der eurasischen Landmasse ermöglichte, der ganzen Welt seinen Stempel aufzudrücken, war nie seine Einigkeit, sondern seine (geographisch bedingte) Vielfalt.


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Re: Jared Diamond

Also im geeinten Europa kein Kolonialismus, keine Weltkriege und Voelkermorde mehr?

Re: Re: Jared Diamond

ein geeintes europa sollte natürlich friedlich sein, nach innen und aussen. zur zeit fallen alle beteiligten in einen selbstzerstörerischen nationalismus zurück. nötig sind bewußte europäer. ansonsten bleibt eine gespaltene identität zurück. wem soll es schaden, wenn maße, gewichte, selbst die währung, einheitlich sind? anders ist es bei der kultur! trotzdem braucht es eine zusätzliche sprache, die neutral ist und die vielfalt bewahrt. als bewährte lösung bietet sich ganz natürlich die für solche fälle entwickelte sprache esperanto an. wie anders soll es gehen? e-d-e.eu macht ein Angebot.