„Sie ernährten sich vom Speck von Robben und Pinguinen, sie heizten mit dem Speck, sie betrieben ihre Lampen mit dem Speck. Ihre Kleider waren vollgesogen mit dem Fett des Specks, und der Ruß färbte sie und ihre Schlafsäcke schwarz.“ So übel erging es Mitgliedern der missglückten Antarktis-Expedition Robert Scotts – „Terra Nova“, 1910 - 1913 – um den Biologen George Murray Levick, als sie beim Besuch einer Kolonie von Adélie-Pinguinen vom Eis eingeschlossen wurden und einen ganzen antarktischen Winter ausharren mussten. Aber diese Strapazen waren überhaupt nichts gegen das, was sich zuvor den Augen bot: „Diesen Pinguinen scheint kein Verbrechen zu niederträchtig“, notierte Levick, und er tat es auf Griechisch, auf dass keines Unbefugten Blick darauf falle, auf die „erstaunliche Verworfenheit“ der „halbstarken männlichen Radaubrüder“: „Sie hängen in kleinen Banden vor den Hügeln herum, deren Bewohner sie mit ihrem ständigen Rowdytum belästigen.“
Dieses Rowdytum war Sex in jeder Form und mit roher Gewalt, die jungen Männchen fielen nicht nur über die Weibchen her, sie schonten auch die Jungen nicht, trieben es miteinander und kopulierten – auch mit toten Weibchen, selbst mit Kadavern aus dem Vorjahr. Diese „Nekrophilie“ schockierte Levick am meisten, aber auch das restliche Gehabe war dem Gentleman aus der viktorianischen Zeit so zuwider, dass er nach der Rückkehr zwar ein Buch über die „Natural History of the Adélie Pinguin“ publizierte. Aber das Kapitel über den Pinguinsex zensierte er, er ließ nur hundert Exemplare der „Sexual Habits of the Adélie Pinguin“ drucken, für Fachkollegen, es geriet in Vergessenheit. Erst 1932 wurde der Sex der Adélie-Pinguine von anderen Forschern wieder beobachtet: Levick hatte getreu berichtet.
Sie sehen nur so aus wie Menschen
Und nun kann man es auch im Original wieder lesen: Im Fundus des Natural Museum in London hat Kurator Douglas Russel eine Kopie der „Sexual Habits“ aufgespürt und – kommentiert – in Polar Record publiziert. Er erklärt die Gewalttätigkeit der Männchen damit, dass die Sex-Saison im antarktischen Herbst extrem kurz ist „und viele junge Männchen einfach keine Erfahrung damit haben, wie man sich verhält“. So erkläre sich etwa die „Nekrophilie“ schlicht damit, dass tote Weibchen aussehen können wie lebende und zur Kopulation bereite.
Zudem spiele die Gestalt der Pinguine bzw. der Blick auf sie eine Rolle: Diese Vögel mit ihrem aufrechten Gang sind dem Menschen so ähnlich, dass er sie gerne auch in anthropomorphen Begriffen beschreibt und darüber vergisst, dass sie nun einmal keine Menschen sind, sondern Vögel. jl
