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Nachruf: Die Psychoanalytikerin der Deutschen

13.06.2012 | 18:11 |  BETTINA STEINER (Die Presse)

Margarete Mitscherlich war Symbolfigur der Frauenbewegung und verfasste mit ihrem Mann den psychoanalytischen Klassiker „Die Unfähigkeit zu trauern“. Sie starb kurz vor ihrem 95. Geburtstag in Frankfurt.

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Es war eine Kindheit zwischen den Nationen: Margarete Mitscherlich wurde 1917 im dänischen Grenzland geboren, ihre Mutter war Deutsche, ihr Vater Däne, beide waren patriotisch gestimmt, ohne deshalb ideologisch verhärtet zu sein: Den Kindern ließen sie die Entscheidung offen, welche Schule sie besuchen wollten, die deutsche oder die dänische.

Margarete Mitscherlich entschied sich für die deutsche Schule und machte ihr Abitur in Flensburg. Dort dominierte schon der BDM den Alltag, dort wurde sie als „politisch unzuverlässig“ eingestuft und musste offiziell ihre Loyalität zum Reich erklären, damit sie die Schule weiterhin besuchen durfte. War das Deutschland? Waren so die Deutschen? Als Studentin überzeugte Mitscherlich ihre Mutter davon, dass es in Ordnung sei, die militärische Niederlage herbeizusehnen. Mitscherlichs Bruder war im dänischen Widerstand aktiv.

Sie selbst habe die Nazis „gehasst“, wie sie sagte. Aber sie sei nicht bereit gewesen, im Widerstand ihr Leben zu riskieren. Vielleicht ist dieses von ihr selbst immer wieder geäußerte Gefühl, nicht genug getan zu haben, eine der Triebfedern der Margarete Mitscherlich – und einer der Gründe, warum sich die Psychoanalytikerin mit dem Dritten Reich, mit der Erinnerung an diese Zeit immer wieder beschäftigt hat. Vor allem natürlich in dem Band „Die Unfähigkeit zu trauern“, den sie gemeinsam mit ihrem Mann Alexander Mitscherlich (gest. 1982) verfasste.

Die Grundthese: Die Deutschen mussten nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches die „narzisstische Bindung“, die sie Hitler gegenüber aufgebaut hatten, in „blitzartiger Wandlung“ lösen, für Trauerarbeit blieb keine Zeit. Mit Hitler hatte man sich dem Größenwahn hingegeben, nun folgte die komplette Entwertung. Eine Entwertung, die ein kollektives Trauma zur Folge hatte. Die „Notfallreaktion“ darauf war die Umdeutung der Vergangenheit, war Verleugnung, Verdrängung, Abwehr. „Die moralische Pflicht, Opfer unserer ideologischen Zielsetzung mitzubetrauern, konnte deswegen für uns vorerst nur ein oberflächliches seelisches Geschehen bleiben“, schrieben die Mitscherlichs.

Margarete Mitscherlich meinte einmal, sie habe mit diesem Buch versucht, „mein Land glücklich zu machen“. Sie habe gehofft, so die „seelischen Mauern der Verdrängung“, die mit „Hilfe eines fast manischen Wiederaufbaus“ errichtet wurden, abbauen zu können. Aber kann man das, ein Land glücklich machen? Selbst wenn dies möglich wäre, hätte es mit diesem Buch nicht gelingen können, meinen Kritiker: Denn so psychoanalytisch schlüssig die Analyse auch ausfalle, der Ton sei der einer Abrechnung. Die Deutschen sahen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, stumpf, teilnahmslos, gefühlsstarr und inhuman zu sein. Das sei keine gute Basis, um offen zu sein für die Aufarbeitung der Vergangenheit.

 

„Die friedfertige Frau“ (1985)

Als Margarete und Alexander Mitscherlich den Band 1967 schrieben, waren sie 12 Jahre verheiratet und schon wesentlich länger ein Paar. Ihr Sohn wurde 1949 geboren. Die Entscheidung, das uneheliche Kind auszutragen, erforderte Mut. Dass sie das Kind zeitweise von ihrer Mutter hat großziehen lassen, wurde kritisiert.

Es sollte Mitscherlichs zweites großes Thema werden: Die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft, wobei sie sich, streitbar wie sie war, auch gerne mit der Frauenbewegung anlegte. Es gehe nicht nur um die Befreiung von äußeren Zwängen, schrieb sie einmal, sondern ebenso sehr um die Befreiung von inneren. Frauen müssten unter anderem die „Angst vor dem Liebesentzug“ überwinden, der mit dem Ringen um Macht oft einhergeht. In „Die friedfertige Frau“ erklärte sie, Frauen seien nicht aus biologischen Gründen das sanfte Geschlecht, das ausgleichende Wesen werde erlernt.

Margarete Mitscherlich war bis vor Kurzem noch als Psychoanalytikerin aktiv, sie schrieb, gab Interviews, im Herbst 2010 erschien der Band „Die Radikalität des Alters“. „Es ist alles irgendwie nicht mehr so wichtig“, schrieb sie, „ich selber schon gar nicht. Stimmt das? Mit dem Verstand weiß ich es, aber mit dem Gefühl?“ Margarete Mitscherlich ist am Dienstag, kurz vor ihrem 95. Geburtstag, gestorben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2012)

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6 Kommentare
Gast: S.Leid
12.06.2012 23:04
9 3

Mir unbewusst

Seit wann ist Psychoanalyse eine Wissenschaft?

Antworten Gast: klin. Psychologe
16.06.2012 15:21
0 0

Re: Mir unbewusst

Geh, Komiker, bleib unbewusst .... und schweig.

Re: Mir unbewusst

Definition von "Wissenschaft" laut Duden: (ein begründetes, geordnetes, für gesichert erachtetes) Wissen hervorbringende forschende Tätigkeit in einem bestimmten Bereich

Somit kann Psychoanalyse als Wissenschaft betrieben werden.

Re: Re: Mir unbewusst

Karl Popper gab die Psychoanalyse aufgrund ihrer Nichtfalsifizierbarkeit als Bsp. einer Pseudowissenschaft an.

Antworten Antworten Antworten Gast: Harsieber
14.06.2012 09:25
1 0

Re: Re: Re: Mir unbewusst

Popper meinte Naturwissenschaft. Wissenschaft ist aber mehr. Selbst die Biologie ist nur mehr zum Teil exakte Naturwissenschaft (Ernst Mayr).

eine große wissenschafterin ist gegangen. rip.