Die ersten Kunstwerke, die in Höhlen gefertigt wurden, repräsentieren einen Wendepunkt in der Geschichte: Mit ihnen nabelten unsere Ahnen sich in entscheidendem Maß von der Natur ab, sie dachten abstrakt. So sehen es zumindest die Forscher, die die Funde bearbeiten. Umso härter ist der Wettbewerb darum, wann und wo die Fähigkeit entwickelt wurde: Vor drei Wochen publizierte Nicholas Conard (Uni Tübingen) Neudatierungen der Funde in Geißenklösterle, das ist eine Höhle in der Schwäbischen Alb.
In ihr fanden sich die ältesten Musikinstrumente – zwei Flöten, eine aus Mammutelfenbein, eine aus einem Vogelknochen –, auch geschnitzte Tierfiguren und eine Figurine in der Art der Venus von Willendorf kamen in den vergangenen 150 Jahren ans Licht. So lange arbeitet die Forschung schon an Ausgrabungen, jede Generation fördert Neues. Seit 60 Jahren werden die Funde datiert, mit der Radiokarbonmethode: 30.000 bis 35.000 Jahre kam als Ergebnis heraus, frühes Aurigniacen. Aber die Methode hat Tücken, das Material ist oft mit jüngerem Kohlenstoff kontaminiert. Deshalb hat die Oxford Radiocarbon Accelerator Unit eine Filtration entwickelt, die die Kontamination entfernt. An diese Gruppe hat Conard sich gewandt, mit neuen Proben aus den Schichten, in denen die Funde lagerten: Nun sind sie 10.000 Jahre älter, zwischen 40.000 und 45.000 Jahre (Journal of Human Evolution).
Geißenklösterle, Nabel der Welt?
Damit ist Geißenklösterle der Spitzenreiter, und Conard sieht seine Hypothese bestätigt, Homo sapiens sei durch das Donautal in Europa und die Weltgeschichte eingezogen, und Geißenklösterle sei die „Kulturpumpe“ – dort begann alles und daraus strömte alles hervor. Das hat Implikationen: Zum einen gibt es in Geißenklösterle keine Fossilien von Neandertalern – also hat der frisch eingewanderte H. sapiens die Kunst(werke) geschaffen, vielleicht wurde er unter dem Druck einer Kälteperiode findig. Zum anderen hat er die Fertigkeit erst in Europa entwickelt. Und drittens eben im Schwäbischen, dort war der Nabel der Welt.
Aber die Konkurrenz schläft nicht, auch anderswo wird neu datiert, als Erster hat Alistair Pike (Bristol) nachgezogen, mit Höhlenmalereien in Spanien, Altamira etwa und El Castillo. Die Datierung ist schwierig, weil die Radiokarbonmethode organisches Material braucht und sich das in den Farben nicht findet. Deshalb hat man über Uranisotope in Tropfsteinchen datiert, die erst aus der Wand wuchsen, als sie schon bemalt war. Auch in diesem Fall wurde die Altersangabe um 10.000 Jahre korrigiert, ein Bild in Altamira zählt nun 36.500 Jahre, ein Farbklecks zwischen den umrandeten Händen von El Castillo „mindestens 40.800 Jahre“, und die Hände um ihn herum lassen vermuten, dass „die erste Kunst nicht figurativ war“ (Science, 336, S. 1409).
Das kommt nahe an Geißenklösterle, und auch Pike vermutet, dass die Kunst erst in Europa entstand. Allerdings schließt er nicht aus, dass die Hände an der Wand die von Neandertalern sind. Von ihnen hat man in Spanien schon 40.000 Jahre alten Schmuck gefunden, aus Muscheln. Ganz Ähnliches – aber von H. sapiens – kennt man aus viel früheren Zeiten in Afrika, in Marokko gibt es 100.000 Jahre alte Exemplare. Deshalb stören manche Forscher den eurozentrischen Frieden: Die kulturelle Explosion in Europa sei eine „Revolution, die es nicht gegeben hat“, urteilt Anthropologin Alison Brooks (Science, 336, S. 531). Sie verweist auf eine Malerei in der „Apollo-11-Höhle“ in Namibia, die es ihrerseits nach Neudatierungen auf immerhin 30.000 Jahre bringt.
