Stress formt die Welt, nicht nur bei der Arbeit und im Auto, sondern auch in der Natur: Viele Tiere wenden sich dann anderem Futter zu. Heuschrecken etwa, die in erhöhter Furcht vor Spinnen leben, wenden sich von den von ihnen bevorzugten Proteinen ab – sie enthalten viel Stickstoff – und Zucker und anderen Kohlehydraten zu. Sie gehen dann an andere Futterpflanzen – Kräuter statt Gras –, sie bzw. die Spinnen ändern auf diesem Weg die Pflanzengesellschaften. Das hat Dror Halwena (Hebrew University, Jerusalem) vor zwei Jahren beobachtet. Nun ist er einen Schritt weiter gegangen und hat getestet, was passiert, wenn die Heuschrecken ausgelitten haben. Dann verändern sie die ganzen Stoffkreisläufe ihrer Region. Denn die toten und verrottenden Tiere sind Futter, für die Bakterien, die Biomasse zersetzen und rezyklieren, aus herabgefallenen Blättern etwa das CO2 wieder in die Luft bringen. Dazu brauchen sie vor allem einen Nährstoff: Stickstoff. Von dem ist aber bei gestressten Heuschrecken weniger im Körper bzw. im Kadaver, und das hat erstaunliche Folgen: Mit stressfreien Kadavern genährte Bakterien verarbeiten Biomasse bis zu 200 Prozent rascher (Science, 336, S.1434). „Kleiner chemischer Wandel in einer Kreatur kann die ganze Ökologie beeinflussen“, schließt Halwena. jl
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)
