„Große Abenteuer ohne die Eltern zu bestehen, ist etwas, das sich jedes Kind vielleicht einmal wünscht“, sagt Daniela Pirchmoser. „Diese Erfahrung muss es aber in der Realität nicht machen, wenn das Kind ,Die unendliche Geschichte‘ von Michael Ende liest.“ Pirchmoser hat in ihrer Dissertation (Uni Innsbruck, Germanistik, Betreuer: Stefan Neuhaus) das Phänomen von Parallelwelten untersucht: „Raumkonzepte in der fantastischen Kinderliteratur der Gegenwart“ heißt die Arbeit, die in Zeiten von Harry Potter und Co. den Nerv der Zeit trifft.
„Bücher, die der Alltagswelt eine Wunderwelt gegenüberstellen, geben den Kindern einen risikofreien Spielraum für Erfahrungen.“ So lernen die Leser der „Unendlichen Geschichte“, „Probleme und Wünsche wahrzunehmen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und die eigene Identität zu finden und auszubilden“. In dem Simulationsraum, den Büchern, die von fantastischen Welten erzählen, können Kinder Problemlösungen ausprobieren: Man sollte also das Eintauchen in fiktiv-fantastische Welten nicht als Fluchtmöglichkeit reduzieren, sondern als Variation, Parodie und Erweiterung der vertrauten Welt.
„Die Kinderliteratur steht der Erwachsenenliteratur nicht nach, hier wird das Eintauchen in verschiedenartige Welten nicht als Bruch erlebt.“ Pirchmoser nahm neben der „Unendlichen Geschichte“ etwa 25 Werke der deutschsprachigen Kinderliteratur der letzten 15 Jahren genau unter die Lupe: z.B. Texte von Kirsten Boie, Oliver Dierssen, Cornelia Funke, Christine Nöstlinger und Bettina Wenzel. Vom literaturtheoretischen Gesichtspunkt konzentrierte sich Pirchmoser auf die Problematiken „Raum“ und „Spiel“ und verglich deren Funktionen in den Kinderbüchern.
„Gesellschaftliche Tendenzen wie gesteigerte Mobilität, Globalisierung, veränderte Kommunikation, Pluralität, Orientierungslosigkeit und Brüchigkeit von Identitäten spiegeln sich in diesen Werken wider“, sagt Pirchmoser. Sie hat diese Dissertation übrigens in ihrer Freizeit geschrieben, abgesehen von der Zeit, in der sie durch ein Doktoratsstipendium der Uni Innsbruck unterstützt wurde. Nun will sie weiter geisteswissenschaftlich forschen und hofft, im Fach Europäische Ethnologie noch eine Diss mit besonderem Tirol-Bezug zu erarbeiten: über das Notgeld, das aufgrund des Hartgeldmangels nach dem Ersten Weltkrieg herausgegeben wurde.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)
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