Der Blick aus vielen Perspektiven

20.10.2012 | 18:02 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Eva Lienbacher erstellte die erste Überblicksstudie für Sozialmärkte in Österreich: Die meisten Sozialmärkte kommen mit weniger als 2100 Euro Umsatz im Monat aus.

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Wer in der Wirtschaft soziale Verantwortung statt Geld als Priorität hat, wird von den Handelswissenschaften kaum beachtet. Das bemerkte das Team um Peter Schnedlitz an der WU Wien und füllte diese Lücke. So erfuhr Eva Lienbacher am Institut für Handel und Marketing, dass es noch keinen wissenschaftlichen Überblick über Sozialmärkte in Österreich gab. Darum hat sie in ihrer Dissertation (Betreuer Peter Schnedlitz und Herbert Kotzab, Uni Bremen) drei Studien über soziale Verantwortung von Handelsunternehmen und Sozialmärkten durchgeführt. „Man kann es aus der Sicht der Corporate Social Responsibility betrachten, da Sozialmärkte nur existieren können, wenn andere Lebensmittelhändler sie mit Waren unterstützen. Die Perspektive des Lebensmittelabfalls erforscht die Boku Wien, mit der wir kooperieren. Auch die Logistikperspektive ist spannend. Daher war mein Zweitbetreuer aus Bremen Logistiker“, so Lienbacher. Zuerst befragte sie (unterstützt von Soma, dem Dachverband der Sozialmärkte Österreichs) die Betreiber der Sozialmärkte: Insgesamt gibt es 64 stationäre und fünf mobile Sozialmärkte flächendeckend in fast allen Städten. Die Waren werden um 20 bis 40 Prozent des normalen Preises verkauft, die meisten Geschäfte haben maximal 20 Stunden pro Woche geöffnet. Auch bei der Kundschaft gibt es Limits: Nur Menschen mit sozialem Bedarf sollen dort einkaufen. „Die Betreiber müssen sehr effizient wirtschaften und mit einem monatlichen Umsatz von weniger als 2100 Euro alle Kosten decken.“ Auch darum sind über 60 Prozent der Mitarbeiter (insgesamt ca. 1200) ehrenamtlich tätig. Dann befragte Lienbacher 600 Kunden von „normalen“ Lebensmittelhändlern: Der Großteil schätzt es, wenn diese Unternehmen Sozialmärkte unterstützen. Viele wissen aber nicht, welche konkreten sozialen Maßnahmen Händler setzen. Wichtigster Grund, warum man im Lebensmittelgeschäft einkauft, bleibt nach wie vor die praktische Erreichbarkeit. Wird aber bekannt, dass ein Unternehmen sozial unverantwortlich handelt, wird es sehr wohl gemieden: Wo Mitarbeiter schlecht behandelt werden, gehen Konsumenten ungern einkaufen. Die neuen Ergebnisse wurden in der Welt der Handelswissenschaften bereits gut aufgenommen. Lienbacher hofft, hier weiterforschen zu können – und das Wissen auch als Buch veröffentlichen zu können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)

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