Gekonnte Schnitte an der Traube

Michael Grieszler verfolgte akribisch die Unterschiede an Blatt, Frucht und Ertrag von drei Methoden, wie man mit Weinstöcken umgehen kann.

Wer Wein baut, muss ständig Entscheidungen treffen. Eine relativ neue und oft hinterfragte ist, den Fruchtansatz nach der Blüte auszudünnen: Trauben(teile) wegzunehmen reduziert zwar den Gesamtertrag, lässt jedoch auf bessere Qualität hoffen. Michael Grieszler wollte es genau wissen (Boku, Betreuer: Helmut Redl): In zwei aufeinanderfolgenden Jahren zwackte er von Zweigelt-Stöcken Trauben(teile) ab und analysierte die weitere Entwicklung. Das Wetter – im einen Jahr feucht und kühl, im Jahr darauf trocken und warm – bot praktischerweise unterschiedliche Versuchsbedingungen.

Grieszler testete zwei Ausdünnungsverfahren im „Schrotkorngrößenstadium“ der Beeren ungefähr zwei Wochen nach der Blüte: die Traubenteilung, bei der die untere Traubenhälfte abgeschnitten wird (pro Rebe bleiben zwei halbe Trauben), sowie die Einzeltraubenausdünnung (ETA), die nur eine, aber ganze Traube pro Trieb stehen lässt, und verglich sie mit nicht ausgedünnten Stöcken (zwei Trauben pro Trieb). Danach maß er wöchentlich viele Parameter – etwa Fotosyntheseleistung, Wasserhaushalt, Größe und Gewicht der Früchte oder Inhaltsstoffe in Blättern und Fruchten.

Es zeigte sich, dass Ausdünnung den Rebstock schont: So enthielten die Blätter mehr Wasser. „Vor allem im trockenen Jahr war ein Unterschied mit freiem Auge erkennbar“, so Grieszler. „Man stelle sich das über Jahrzehnte vor, wenn es in zwei Jahren schon so augenscheinlich ist!“ Auf ausgedünnten Trauben wuchsen dickere Beeren (vor allem bei ETA), deren Qualität war höher, der Jahresertrag war trotz des unterschiedlichen Wetters stabiler als bei den unbehandelten Stöcken: Trotz Halbierung der Fruchtstände lag er deutlich über der Hälfte.

Doch nicht nur Euphorie ist angesagt: Zweischneidig etwa ist das Ergebnis, dass der Stickstoffgehalt in Kernen und Schale bei ausgedünnten Trauben (vor allem ETA) höher ist: „Das zeigt zwar eine bessere Nährstoffversorgung, doch erhöht mehr Stickstoff die Anfälligkeit für Pilzbefall und andere Krankheiten.“ Und: Die zeitaufwendige Methode bringt weniger Ernte. Grieszler want daher vor Automatismen: „In manchen Jahren kann es also günstiger sein, sich dagegen auszusprechen.“ Um eine Feinabstimmung der Entscheidungen von Jahr zu Jahr, die Standort, Wetter, Boden, Weinsorte und Qualitätsvorstellungen einbeziehen, kommt letztlich also doch wieder niemand herum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2013)

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