Bier und Brot auf Grabanlagen

Porträt. Die Ägyptologin Lubica Hudáková beschäftigt sich mit Bildern auf Felsgräbern des Mittleren Reiches (2055 bis 1650 v. Chr.). Daraus schließt sie auf das damalige Alltagsleben.

Lubica Hudáková
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Lubica Hudáková
(c) Die Presse - Clemens Fabry

Im alten Ägypten war das Jenseits das, worauf sich die Menschen ihr ganzes Leben lang vorbereiteten. Hatte jemand finanzielle Mittel, dann war sein ganzes Anliegen, ein schönes Grab zu bauen und üppig zu dekorieren. Die erhaltenen, farbenprächtigen Malereien zeigen Leichenzüge, bei denen zahlreiche Grabbeigaben – wie Stühle, Leinen, Gefäße und Keramiken – aus dem Diesseits für das Jenseits bereitgestellt werden: dafür gedacht, dass sie der Tote weiterhin verwenden kann. Doch die Ägypter malten auch Alltägliches auf die Felsengräber: von der Ernte, über das Bierbrauen bis hin zum Brotbacken.

Das hilft den Ägyptologen, Rückschlüsse auf das Leben am Nil vor etwa 4000 Jahren zu ziehen: „Ich sehe mir die zweidimensionalen Abbilder von Objekten, wie Spinnwirteln, Webstühlen, Kornsäcken und Brotmulden an und vergleiche sie mit dem dreidimensionalen archäologischen Material“, sagt Lubica Hudáková, Ägyptologin an der Uni Wien. Es handelt sich zwar um eine Auswahl, die Bilder zeigen dennoch, wie die Ägypter geerntet, gefischt, Bier gebraut oder ihre Textilien gesponnen haben– gerade wenn diese Abbilder mit den tatsächlichen Relikten, den Vorbildern der Zeichnungen, verglichen werden.

 

Vom Vorbild zum Abbild

Hudáková schloss ihr Studium heuer mit der Promotion sub auspiciis ab, der höchstmöglichen Auszeichnung von Studienleistungen in Österreich. Sie bleibt der Forschung treu und will in dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt „Vom Vorbild zum Abbild“ Gräber des Mittleren Reiches weiter analysieren.

Das Mittlere Reich war die zweite Hochphase des zentralisiert verwalteten, ägyptischen Staates, die kurz nach 2000 v. Chr. begann. Die reich verzierten Gräber dieser Zeit fanden bisher noch wenig Beachtung. Hudáková vergleicht nun die Grababbildungen auch mit denen vom Alten Reich (2700 bis 2200 v. Chr.) und macht erstaunliche Entdeckungen: „Es ist ganz klar, dass sich die Rolle der Frau veränderte. Eine geschlechterspezifische Arbeitsteilung bildete sich aus“, sagt sie. So wurde etwa das Bierbrauen und Flicken von Fischernetzen zur Männerarbeit, das Brotbacken und Weben zur Frauenarbeit – im Alten Reich beherrschten diese Techniken noch beide Geschlechter. Das steigerte aber den Ertrag rund um den schmalen grünen Streifen am Nil: „Eine Arbeitsteilung ist einfach effektiver, als wenn jeder alles wissen muss“, erklärt Hudáková.

Auch unscheinbare Bilder der Grabanlagen können zu wichtigen Erkenntnissen führen, etwa Abbildungen von Kornsackbehältern: Die Getreidepflanzen sind im Alten Reich noch als Ganzes dargestellt, im Mittleren Reich sind in den Kornsäcken nur mehr die Ähren zu sehen. Das übrige Stroh wird separat geschnitten. Der technische Vorteil ist offensichtlich: „Die Ähren mussten noch gedroschen werden, um an das Korn zu kommen, das dann weiter zu Mehl verarbeitet wird. Schnitt man man zuvor nur die Ähren, war das wesentlich einfacher. Außerdem wurde damit das Stroh beim Dreschen nicht mehr vernichtet und konnte als Baumaterial und Brennstoff verwendet werden“, sagt Hudáková.

Die Totengräber liefern Hudáková lebendige Abbildungen des altägyptischen Alltags. Vom populären Totenverständnis, das von Hollywood und Schundromanen genährt wird, hält sie wenig: „Es ist völliger Unsinn, wie das Alte Ägypten in diversen Mumienfilmen präsentiert wird. Man könnte ja auch mit Fakten einen guten Film machen“, sagt sie. Sie wünscht sich zumindest, dass in den Hollywood-Blockbustern die drei Hauptpyramiden dort gebaut werden, wo sie tatsächlich stehen – nämlich in Gizeh am Westufer des Nils, circa 20 Kilometer vom Kairoer Stadtzentrum –, und nicht irgendwo im Nildelta.

LEXIKON

Lubica Hudáková wurde 1985 in Bratislava in der Slowakei geboren. Sie maturierte 2003 und studierte im Anschluss Ägyptologie an der Universität Wien, mit Nebenfächern in Afrikanistik sowie Ur- und Frühgeschichte. Seit 2014 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ägyptologie in Wien und arbeitet zudem am Institut für Orientalistik der Slowakischen Akademie der Wissenschaften.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2015)

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