Stress macht uns sozialer

Die Psychologin Livia Tomova untersucht am Gehirn von Probanden, wie wir uns unter Stress in andere hineinversetzen. Frauen gelingt das besser als Männern.

Livia Tomova
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Livia Tomova
(c) Akos Burg

Warum schauen so viele Menschen Quizsendungen wie „Die Millionenshow“ im TV: Nicht nur, um das eigene Wissen zu testen, sondern auch, weil man sich freut, wenn jemand etwas gewinnt. „Es gibt nicht nur Belohnungsempfinden, wenn man selbst bei einer Lotterie mitspielt, sondern auch, wenn wir andere beim Gewinnen beobachten“, erklärt Livia Tomova, Psychologin der Uni Wien. Wenn wir sehen, dass ein Mitmensch gewinnt, starten in unserem Gehirn Prozesse, die denen ähneln, wenn wir selbst etwas bekommen.
Diese Fähigkeit nennt man Empathie, das Nachempfinden von Gefühlen und Gedanken, die ein anderer hat. Die Empathie-Forschung unter der Leitung von Claus Lamm an der Uni Wien ist weltweit geachtet. Livia Tomova ist seit ihrer Diplomarbeit an seinem Department und hat Anfang November eines der L'Oréal-Stipendien For Women in Science erhalten, die jährlich mit finanzieller Unterstützung des Wissenschaftsministeriums vergeben werden.

Stress erzeugen durch Rechenaufgaben

Im aktuellen Projekt testet Tomova an Probanden, wie sich die Empathie unter Stress verändert. Die Tests laufen im funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT) ab. Der Proband liegt in der Röhre, und die Forscher beobachten, welche Areale und Neuronen im Gehirn aktiv sind. Der Stress kommt über Rechenaufgaben. „Unter Zeitdruck kann man die Leute damit gut stressen“, erklärt Tomova. Über Speichelproben vor, während und nach den Rechentests wird kontrolliert, wie viel des Stresshormons Kortisol durch die Adern der Probanden fließt.
„Wenn die Leute gestresst sind, lassen wir sie, während sie in der FMRT-Röhre liegen, Glücksspiele für sich selber oder für eine andere Person spielen“, so Tomova. Was passiert im Gehirn: Kann sich ein gestresster Mensch leichter in das Glücksgefühl des anderen hineinversetzen? „Früher dachte man, dass durch Stress die Menschen egoistischer werden“, sagt Tomova. Neuere Studien zeigen genau das Gegenteil.
So fand Tomova in ihrer Dissertation heraus, dass Stress die Menschen mitfühlender macht. Zumindest, wenn es um negative Gefühle geht. Die Gehirne der Probanden reagierten unter Stress empathischer, wenn sie sehen, dass ein anderer Schmerzen empfindet. „Interessanterweise haben die Leute selbst nicht behauptet, dass sie stärker mitgefühlt haben, wenn sie gestresst waren: Aber die Vorgänge in ihrem Gehirn zeigten, dass sie dann stärker auf Schmerzen der anderen reagierten“, sagt Tomova.
Auch das Sozialverhalten änderte sich: Die Probanden bekamen am Ende des Versuchs Geld und die Möglichkeit, einen Teil davon zu spenden. Diejenigen, die gestresst wurden und stärker empathisch reagierten, gaben mehr von ihrem Geld ab als die Kontrollgruppe. „Wir werden unter Stress also nicht egoistischer, sondern verhalten uns sozialer“, so Tomova. „In der neuen Studie wollen wir jetzt untersuchen, ob Empathie für positive Emotionen unter Stress ebenfalls verstärkt wird.“
In einer Vorstudie fand sie auch Geschlechterunterschiede bei der Fähigkeit, sich in die Perspektive anderer zu versetzen. Frauen konnten das unter Stress besser, als wenn sie ungestresst waren. Männer hingegen können sich unter Stress schlechter in andere hineindenken.
Der Verdacht lag nahe, dass das „Kuschelhormon“ Oxytocin mitspielt, das bei Frauen unter Stress stärker ausgeschüttet wird als bei Männern. Tomova ging für sechs Monate an die Uni Freiburg, um zu testen, ob Männer, die eine Dosis Oxytocin erhalten, in verschiedenen Aufgaben besser die Perspektive anderer einnehmen können. „Tatsächlich konnten sich die Männer, denen das Hormon verabreicht wurde, besser in andere eindenken“, sagt Tomova.
Ihr jüngster Auslandsaufenthalt brachte Tomova in die USA, an das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston. „Die Infrastruktur am Institut ist ein Luxus. Und durch die Vorträge der internationalen Kollegen habe ich viel Inspiration erfahren“, sagt Tomova.

Mit dem Fahrrad durch Boston

Das erlebt sie in Wien aber auch: „Überhaupt merkt man durch die Internationalisierung der Forschung manchmal gar nicht, ob man in Wien, Deutschland oder in den USA ist, wenn man im Labor arbeitet.“ In Boston kaufte sich Tomova gleich ein Fahrrad und erledigte damit die täglichen Wege. „Auch Joggen über die schöne Brücke hat immer Spaß gemacht.“ Zurück in Wien geht sie auch gern Joggen oder Klettern: am Flakturm in Mariahilf oder in Kletterhallen.

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