Die Fußball spielende Chemikerin

Die Wienerin Anna Ressmann erforscht, wie man neue Wertstoffe aus biologischem Material, etwa aus Orangenschalen, gewinnt. In der Freizeit ist sie im Frauenfußball aktiv.

Wenn Anna Ressmann statt des Fußballdresses den Labormantel anzieht, kümmert sie sich um die chemischen Eigenschaften von Biomaterial.
Schließen
Wenn Anna Ressmann statt des Fußballdresses den Labormantel anzieht, kümmert sie sich um die chemischen Eigenschaften von Biomaterial.
Wenn Anna Ressmann statt des Fußballdresses den Labormantel anzieht, kümmert sie sich um die chemischen Eigenschaften von Biomaterial. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

„Mit unserer Methode konnten wir in einer Viertelstunde die DNA extrahieren. Das hat mit herkömmlichen Verfahren viele Stunden gedauert“, sagt Anna Ressmann vom Institut für Angewandte Synthesechemie der TU Wien. Ihre Forschung konzentrierte sich über viele Jahre auf „ionische Flüssigkeiten“. Das sind Salze, die bei Raumtemperatur oder bis zu 100 Grad flüssig sind. Diese Gruppe der organischen Salze eröffnet neuartige Wege in der Gewinnung von Wertstoffen: Eine ionische Flüssigkeit ist nämlich flüssig, ohne dass man sie so wie Kochsalz in Wasser lösen muss. Und sie kann für unterschiedliche Problemstellungen maßgeschneidert werden, etwa damit sie Biomasse in ihre Einzelteile zerlegt: Im Internet findet man Videos, in denen eine Orange oder ein Holzstück gänzlich aufgelöst werden in solchen Flüssigkeiten.

„Diese ganz speziellen Löseeigenschaften, die besser sind als bei herkömmlichen Lösungsmitteln, habe ich seit meiner Diplomarbeit untersucht“, sagt Ressmann. In ihrer Dissertation an der TU Wien konnte sie dies praktisch anwenden und entwickelte in Kooperation mit Forschern am IFA Tulln ein Schnell-Extraktionsverfahren, um DNA aus Mais zu gewinnen. „So kann man schnell und günstig untersuchen, ob es sich um genetisch modifizierten Mais handelt.“

 

Von welchem Tier das Fleisch stammt

Mit nur wenigen Veränderungen des Verfahrens konnte sie die Methode auch für Fleisch anpassen: Nun kann man innerhalb von 15 Minuten die DNA von jeglichem Fleisch extrahieren, um im Labor zu überprüfen, von welchem Tier es stammt. „Diese Arbeit fiel gerade in die Zeit des Pferdefleischskandals“, sagt Ressmann.

Sie zeigte in ihrer Dissertation noch weitere Möglichkeiten, wie man Wertstoffe aus biologischem Material gewinnen kann, wenn man ionische Flüssigkeiten als Lösungsmittel einsetzt: Mit Kollegen der TU Wien entwickelte sie ein Verfahren, um aus dem Abfallprodukt Orangenschale neue Substanzen zu gewinnen. Die Orangenschale löst sich nicht vollständig auf, wie in den Internetvideos, aber es werden trotzdem wichtige Stoffe gelöst, die man zur Produktion neuartigen Materials einsetzen kann.

„Wir haben die Orangenschale in eine Vorstufe eines Polymer verwandelt, aus der man hitzestabilen Kunststoff herstellen könnte“, sagt Ressmann, die all diese Ergebnisse bereits in angesehenen Fachmagazinen publiziert hat. Die Dissertation, die von einem Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unterstützt wurde, schloss sie Ende 2015 ab und arbeitet nun weiter als Post-Doc am Institut für Angewandte Synthesechemie.

Die ionischen Flüssigkeiten sind nicht mehr ihr Fokus, sondern die Biokatalyse: „Wir untersuchen, wie man mit Hilfe von Bakterien ein Produkt A in die Produkte B und C umwandeln kann.“ Im Sommer 2017 läuft der Post-Doc-Vertrag aus, und Ressmann erkundet derzeit die Möglichkeit, im Ausland weiterzuforschen.

Denn bisher hat sich noch kein Forschungsaufenthalt außerhalb von Österreich ergeben. In ihrer Freizeit konnte Ressmann aber schon viel von der Welt sehen, am beeindruckendsten war die zehnwöchige Reise mit ihrem Freund von Hongkong über Australien nach Neuseeland: im Campingbus. „Dort, wo es uns gefiel, sind wir geblieben und haben im Auto geschlafen. Ich bin überhaupt nicht der Typ, der in schöne Hotels geht. Auch in Island habe ich schon gecampt“, erzählt Ressmann.

 

Sportliche Leitung im FC Mariahilf

In Wien zuhause ist sie sehr aktiv im Frauenfußball: Seit elf Saisonen spielt sie beim FC Mariahilf. „An manchen Wochenenden sogar zwei Matches, wenn ich in der dritten und in der vierten Leistungsklasse eingesetzt werde.“ Also in der Wiener Landesliga und in der Ersten Klasse. „Das Training wäre drei Mal pro Woche, aber ich schaffe es meistens nur zu zwei Terminen“, gibt die sportelnde Forscherin zu.
Sie ist im Vorstand des FC Mariahilf aktiv als Schriftführerin und seit 2011 als Frauensektionsleiterin für die sportliche Leitung des Frauenfußballs zuständig. „Auch im Wiener Fußballverband vertrete ich den Frauenfußball: Mir macht das Spielen Spaß, aber auch der Einsatz in den Gremien.“

Den Erfolg der Österreichischen Nationalmannschaft im Frauenfußball verfolgt sie gemeinsam mit ihren Teams und mit Freunden. „Früher war ich öfters im Stadion, aber inzwischen schauen wir uns die Matches in Übertragungen an.“ Und im Winter, wenn der Fußball ruht, geht Ressmann gern Snowboarden.

Zur Person

Anna Ressmann wurde 1986 in Wien geboren und studierte Technische Chemie an der TU Wien. Für ihre Dissertation, wie man aus pflanzlichen Materialien Wertstoffe gewinnen kann, wurde sie im Jänner 2017 mit dem Hannspeter-Winter-Preis der TU Wien ausgezeichnet. Ressmann engagiert sich in der Frauenförderung, etwa bei den FIT-Tagen (Frauen in der Technik), um die weibliche Begeisterung für technische Fächer zu steigern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Die Fußball spielende Chemikerin

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.