Im Fließen liegt das Entscheiden

Der Psychologe Michael Forster untersucht im Zuge seiner Dissertation mithilfe der experimentellen Grundlagenforschung, warum uns etwas gefällt und warum nicht.

Der Oberösterreicher Michael Forster erforscht in Wien das Verhalten der Menschen: Warum gefällt uns eine Situation, die wir als besonders „flüssig“ erleben?
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Der Oberösterreicher Michael Forster erforscht in Wien das Verhalten der Menschen: Warum gefällt uns eine Situation, die wir als besonders „flüssig“ erleben?
Der Oberösterreicher Michael Forster erforscht in Wien das Verhalten der Menschen: Warum gefällt uns eine Situation, die wir als besonders „flüssig“ erleben? – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Das Gefühl, dass man eine Bewegung als besonders flüssig und harmonisch empfindet, haben die meisten schon erlebt. Das kann ein auf Anhieb geglücktes Einparkmanöver oder für den Pferdesportler der perfekte Aufstieg auf den Sattel sein. Im Fall, dass der Vorgang gestört wird, sei es, dass das Einparken nicht gelingt, sei es, dass der Sattel verrutscht, missfallen uns diese Situationen, und wir bewerten sie negativ. In der Psychologie werden solche Vorgänge experimentell untersucht. Im Wesentlichen geht es darum, ob und warum uns Abläufe gefallen, die wir als besonders flüssig wahrnehmen. Der Begriff der „Verarbeitungsflüssigkeit“ – wie leicht etwas verarbeitet werden kann – wird für die Forschung als geläufige Metapher verwendet.

„Mein Interesse für die Verarbeitungsflüssigkeit ist deshalb entstanden, weil ich meinen späteren Dissertationsbetreuer, Helmut Leder, bei Projekten in der Ästhetikforschung unterstützt habe“, sagt Michael Forster. Dabei studiert man den Zusammenhang zwischen dem Wahrnehmen und dem Bewerten von Objekten. Mit Leder diskutierte er oft und stellte sich die Frage, welche Mechanismen denn hinter den Effekten der Verarbeitungsflüssigkeit stehen.

 

Betrachtungszeit spielt eine Rolle

Im Rahmen seiner Dissertation zeigte er nun in Experimenten die Veränderung der Verarbeitungsflüssigkeit in Abhängigkeit der Zeit. Den Teilnehmern der Studie präsentierte man einen Satz von hundert einfachen Linienzeichnungen, etwa die einer Vase, eines Tisches oder Ähnlichem für wenige Millisekunden auf einem Bildschirm. Danach mussten die Probanden auf einer Skala von eins bis sieben bewerten, wie gut die dargestellten Objekte ihnen gefielen. Es stellte sich heraus, dass sowohl die Präsentationszeit als auch der subjektive Eindruck einen Einfluss haben. Je mehr Zeit den Testpersonen für das Betrachten zur Verfügung stand und je einfacher das Wahrnehmen der Bilder für sie war, desto mehr fanden sie Gefallen an ihnen.

Einen konträren Effekt der Betrachtungszeit mit einer hohen Verarbeitungsflüssigkeit kennt man in der Gesichtsforschung. „Hier haben wir beobachtet, dass je länger das Bild eines Gesichtes präsentiert wird, es zunehmend als weniger attraktiv eingestuft wird. Das könnte damit zusammenhängen, dass beim längeren Betrachten eines Gesichtes trotz hoher Verarbeitungsflüssigkeit Hautunreinheiten oder andere Makel bewusster wahrgenommen werden“, sagt Forster. Deshalb sind die Ergebnisse der psychologischen Grundlagenforschung immer im Kontext zu verstehen und können nicht selbstverständlich auf angewandte Bereiche wie jene der Werbepsychologie übertragen werden. Nicht immer führt eine hohe Verarbeitungsflüssigkeit zu einem größeren Gefallen einer Situation.

Seine Dissertation zeigt auch, dass die Verarbeitungsflüssigkeit allein unsere Entscheidungen nicht vorhersagen kann. „Wenn etwa im Kaffeehaus eine Mineralwasserflasche einfacher wahrzunehmen ist als eine Colaflasche, würde das nicht allein entscheiden, ob wir Mineralwasser anstatt eines Colas bestellen“, so Forster. Es gehe vielmehr darum, mit der Verarbeitungsflüssigkeit einen von vielen Einflussfaktoren zu untersuchen.

 

Psychologie statt Leichen sezieren

Forster, gebürtiger Linzer, wollte ursprünglich Arzt werden. Während seiner Bundesheerzeit habe er sich Gedanken über seinen weiteren Ausbildungsweg gemacht. „Ich habe aber keine große Lust gehabt, Leichen zu sezieren, und so habe ich mich für das Psychologiestudium und gegen das Medizinfach entschieden“, sagt er. Anfänglich hatten ihn vor allem psychische Krankheitsbilder interessiert. Im Lauf des Studiums richtete sich seine Aufmerksamkeit aber auf das Verhalten von Menschen.

In seiner Freizeit findet der Oberösterreicher beim Spielen mit seinem zweijährigen Sohn Ausgleich zu seiner Forschungstätigkeit. Als Lebensmittelpunkt und als Studienplatz sei ihm Wien besonders ans Herz gewachsen. Er besuche zwar immer wieder gern seine oberösterreichische Heimat, aber Stadtflucht betreiben er und seine Familie am Wochenende keine, sagt er lächelnd.

ZUR PERSON

Michael Forster wurde 1985 in Linz geboren. Von 2004 bis 2010 Diplomstudium der Psychologie, anschließend Dissertation „Feeling the Fluency“ bis 2015. Den Doc Award der Uni-Wien und der Stadt Wien bekam er heuer für das Jahr 2016. Derzeit ist Forster Universitätsassistent als Post-Doc am Institut für psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethoden an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2017)

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