Junge Forschung

Digital austesten: Was wäre, wenn?

Die Architektin Julia Forster entwickelt an der TU Wien Modelle, die virtuell darstellen, welche Entscheidungen in der Raumplanung welche konkreten Folgen haben.

Die Oberösterreicherin Julia Forster erprobt virtuelle Szenarien der Raumplanung. Jeder Planer soll auf das Werkzeug über das Internet zugreifen können.
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Die Oberösterreicherin Julia Forster erprobt virtuelle Szenarien der Raumplanung. Jeder Planer soll auf das Werkzeug über das Internet zugreifen können.
Die Oberösterreicherin Julia Forster erprobt virtuelle Szenarien der Raumplanung. Jeder Planer soll auf das Werkzeug über das Internet zugreifen können. – (c) Akos Burg

Nach acht Jahren Berufserfahrung in Architekturbüros in Wien entschied die junge Oberösterreicherin, wieder zurück an die Uni zu gehen. Julia Forster bekam 2013 eine der zehn Stellen im Doktoratskolleg Urbem, das von der TU Wien und den Wiener Stadtwerken finanziert wurde. Urbem steht für Urbanes Energie- und Mobilitätssystem: Die Dissertanten entwarfen in dem Projekt Simulationen und Berechnungen, die bei Entscheidungen über die Elektrizitäts- und Mobilitätsversorgung der Stadt Wien helfen. „Ich war schon als Architektin immer interessiert, wie man digitale Strukturen für kooperatives Arbeiten schaffen kann“, sagt Forster. Wie können Planer aus verschiedenen Disziplinen gemeinsam an einem digitalen Plansatz arbeiten und ihre Daten sinnvoll sichtbar machen? Bei Bauprojekten betrifft das die Architekten und Fachplaner einzelner Gewerke, wie Elektrik oder Heizungs-, Klima-, Lüftung- und Sanitärsysteme.

Für die Dissertation ging Forster einen Schritt weiter, nämlich in die Raumplanung, die unter anderem alle planerischen Vorgänge in einer Stadt, einem Bezirk oder einem Grätzel umfasst.

 

Folgen für gesamtes Projekt abbilden

Anstatt um Heizungs- und Abwasserpläne in einzelnen Gebäuden geht es bei der Raumplanung um das reibungslose Zusammenspiel von Stromversorgern, Verkehrsnetzen, Fernwärmeleitungen, Kommunikationsinfrastruktur und vielem mehr. Das Ziel der Dissertation war, ein Werkzeug für die Visualisierung zu entwickeln, bei dem verschiedenste Berechnungsdaten eingespielt und räumlich verortet werden, sodass sie dann visuell abgerufen werden können.

Das digitale Werkzeug errechnet stets die Folgen für das gesamte Projekt – für alle Disziplinen. „In einer Stadt wirkt alles zusammen, man kann nie ein Teilsystem für sich allein betrachten“, sagt Forster. Wenn etwa Gebäudetechniker – abhängig vom Verhalten der Benutzer – Lastprofile berechnen und den elektrischen und thermischen Bedarf für Gebäude festlegen, kann der Elektrizitätsplaner abschätzen, wie es mit der Auslastung von Stromleitungen und Trafostationen aussieht. „Das Visualisierungswerkzeug kann auf den unterschiedlichsten Ebenen, also für den Bezirk, Baublock oder ein Gebäude die Darstellung der Stromleitungen oder Fernwärmeleitungen liefern“, sagt Forster.

Das virtuelle Planungswerkzeug, das von den Beteiligten über eine Webadresse aufgerufen werden kann, stellt alle diese Details grafisch dar und berechnet „Was wäre, wenn“-Szenarien. „Wichtig war eine Methode zu entwickeln, die sowohl eine Übersicht bietet, bei der nicht alle Daten zugleich sichtbar gemacht werden, als auch Detailuntersuchungen erlaubt“, erklärt Forster. Sie erhielt für ihre Dissertation im Oktober den Resselpreis der TU Wien, der mit 13.000 Euro dotiert ist, die direkt in die wissenschaftliche Forschung fließen.

Denn Forster will vorerst in der Forschung bleiben: „Ich habe schon während der Dissertation an Anträgen für Projekte mitgeschrieben und kann nun als Postdoc weiter am Institut für Raumplanung bleiben. In diesem Bereich kann man viel bewegen und mit Verwaltung und Politik zusammenarbeiten, um Dinge zu verändern.“

 

Flughafen, Bundesheer, Donauraum

Aktuell ist sie in mehrere Forschungsprojekte eingebunden. Eines, das vom Flughafen Wien in Auftrag gegeben wurde, nutzt ihre Expertise in der visuellen Darstellung von Versorgungsinfrastruktur: Der Flughafen in Schwechat soll als virtuelle Stadt abgebildet werden, sodass Planungsentscheidungen und ihre Folgen schnell sichtbar werden.

Weiters arbeitet Forster mit dem österreichischen Bundesheer zusammen, das Szenarien übt, was zu tun ist, wenn es zu einem Blackout kommt. „Mit virtuellen Werkzeugen kann man früh einschätzen, welche Schritte notwendig sind und wo man im Ernstfall eines Blackouts Soldaten einsetzen muss.“ Und in einem EU-Projekt erstellt Forster Berechnungen, wie man den Donauraum als einheitliches Tourismusgebiet fördern kann. „Wir wollen zeigen, wie man ohne Ländergrenzen den Donauraum nachhaltig nutzen kann.“

ZUR PERSON

Julia Forster (34) stammt aus Steyr in Oberösterreich und kam für das Studium der Architektur 2002 an die TU Wien. Nach langer Berufspraxis als Architektin fing sie 2013 wieder zu studieren an und schloss 2016 die Dissertation an der Raumplanung der TU Wien ab. Dort forscht sie nun weiter als Postdoc. In der Freizeit zieht es sie auf die Berge: im Sommer mit dem Mountainbike, im Winter mit den Tourenski.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2017)

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