Weltweit den Zellen auf der Spur

Die Biotechnologin Agnes Reiner befasst sich mit allem, was zwischen unseren Zellen passiert. Damit könnte man zum Beispiel Eierstockkrebs einfacher und frühzeitig erkennen.

Agnes Reiner forschte auch in Singapur an Vesikeln, die wenige Nanometer klein sind, aber wichtige Funktionen im Körper übernehmen.
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Agnes Reiner forschte auch in Singapur an Vesikeln, die wenige Nanometer klein sind, aber wichtige Funktionen im Körper übernehmen.
Agnes Reiner forschte auch in Singapur an Vesikeln, die wenige Nanometer klein sind, aber wichtige Funktionen im Körper übernehmen. – (c) Akos Burg

Schaut man sich die vielen unterschiedlichen Stationen im Lebenslauf von Agnes Reiner an, würde man dahinter wahrscheinlich keine erst 30-Jährige vermuten. Schon in der Schule haben sie die Naturwissenschaften am meisten interessiert. Trotzdem zog es sie in die Werbeakademie und von dort für den Bachelor zu Lebensmittel- und Biotechnologie an die Boku Wien. Nach einem Praktikum an der Med-Uni vertiefte sie sich in die medizinische Forschung. „Was auf zellulärer Ebene so abläuft, hat mich sofort gepackt“, sagt die junge Wissenschaftlerin. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit Krebszellen. Das große Ziel: Eierstockkrebs mit Hilfe sogenannter extrazellulären Vesikeln einfacher und frühzeitig erkennen. Die Ergebnisse präsentiert die Forscherin beim Falling-Walls-Lab-Finale kommende Woche in Berlin.

Vesikel (vom lateinischen „vesicula“ für Bläschen) sind Lipidkügelchen, die von Zellen abgegeben werden. Sie transportieren etwa Proteine, Fettsäuren oder Erbinformationen im Körper. Mit ihrer Nanometergröße sind sie mindestens 100 Mal kleiner als Zellen. Man sieht sie nur unter dem Elektronenmikroskop. „Entdeckt wurden die extrazellulären Vesikel in den 1980er-Jahren“, erzählt Reiner. „Die Forscher haben sie zuerst nur für die Müllabfuhr der Zelle gehalten und später verstanden, dass sie noch viele andere Funktionen haben.“ Zum Beispiel können Vesikel das Immunsystem aktivieren. Mittlerweile werden sie therapeutisch verwendet, beispielsweise zur Geweberegeneration bei Hautkrankheiten und nach Herzinfarkten, wenn der Herzmuskel geschädigt ist.

 

Krebs erkennen, bevor er metastiert

Dass Vesikel aus denselben Molekülen wie ihre Zelle bestehen, wollte Agnes Reiner für die Krebsdiagnose nutzen. So könnte man nämlich schon durch ein Vesikel in einer Blut- oder Speichelprobe nachweisen, ob das Bläschen aus einer gesunden Zelle stammt oder vielleicht Krebs vorliegt. Krebs-Vesikel transportieren Proteine oder Nukleinsäuren und können anregen, dass sich Blutgefäße bilden oder andere Zellen zu Krebszellen werden. Sie werden vom primären Krebsgewebe abgegeben, wandern über das Blut zu einem Zielgewebe und bereiten dieses auf, sodass sich die Krebszellen dort besser einnisten können.

Für ihre Forschung nimmt die Wissenschaftlerin Vesikel aus Aszites, einer Körperflüssigkeit, die es nur in krankem Zustand gibt. Sie baut sich im Bauchraum auf, bei Leberzirrhose oder Krebs. Reiner hat sich auf Eierstockkrebs spezialisiert. Er kommt selten vor, wird aber meistens spät diagnostiziert, oft, wenn er schon Metastasen gebildet hat. Ihre Dissertation führte Reiner auch an das Austrian Institut of Technology (AIT). Dort entwickelte sie einen Biosensor, der die Vesikel detektiert. Den Biologie-Teil des Projekts erarbeitete die Wissenschaftlerin an der Med-Uni Wien und von Mai 2015 bis August 2016 bei der Agency for Science, Technology and Research in Singapur. Von dort ist ihr – außerhalb der Forschungstätigkeit natürlich – besonders das Essen in Erinnerung geblieben. „Für uns Europäer war die Minimalschärfe schon ziemlich scharf. Mein Freund und ich haben uns langsam gesteigert von einer halben Chili bis zum Schluss zwei“, erzählt sie lachend.

Was sie in Singapur getestet hat, untersucht sie nun im neuen Projekt beruflich im Labor: Geschmacksrezeptoren. Seit zwei Monaten arbeitet Reiner nämlich für ihren Postdoc am Christian-Doppler-Labor für Bioaktive Aromastoffe. Die Forschungseinrichtung ist am Institut für Ernährungsphysiologie und Physiologische Chemie der Uni Wien angesiedelt. Dort untersucht sie, wie bioaktive Aromastoffe auf Zellen wirken.

Geschmacksrezeptoren finden sich nämlich nicht nur im Mund, sondern auch in anderen Geweben, im Verdauungstrakt, sogar in der Lunge und eben auch in Krebszellen. Außerdem haben sie noch andere physiologische Funktionen, die es zu erforschen gilt. Und auch die Vesikel lassen Reiner nicht los: Welche Rolle haben sie bei den Geschmackszellen? Das könnte eine spannende Fragestellung für die kommenden Jahre sein. In ihrer Freizeit zieht es die gebürtige Wienerin raus in die Natur. Was ihr in Singapur nämlich wirklich gefehlt hat: die österreichischen Berge.

Zur Person

Agnes Reiner (30) hat den PhD in Bionanotech an der Boku und der Nanyang Technological University (Singapur) abgeschlossen. Sie forschte dafür auch am Austrian Institute of Technology und an der Med-Uni Wien sowie bei der Agency for Science, Technology and Research in Singapur. Die Ergebnisse präsentiert sie kommende Woche beim Falling-Walls-Lab-Finale in Berlin. Nun forscht sie am Christian-Doppler-Labor für Bioaktive Aromastoffe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2017)

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