Die Übergabe passiert oft zu spät

03.12.2011 | 18:22 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Stefan Märk hat an Familienunternehmen gezeigt, wie die Übergabe an die Nachfolgegeneration gut gelingen kann: Eine korrekte Wissensweitergabe ist wichtig.

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„In Deutschland sind Familienunternehmen besser durch die Krise gekommen als andere“, sagt Stefan Märk: „U.a. weil sie gegenüber Veränderungen eher konservativ reagieren.“ Er hat in seiner Dissertation (Uni Innsbruck, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Betreuer Mike Peters) heimische Familienunternehmen untersucht und gefragt: Welches Wissen brauchen die Nachfolger? Denn oft hat die Gründergeneration vor lauter Arbeit gar nicht daran gedacht, das gesammelte Wissen und die im Unternehmen herrschenden Werte für die Nachfolger schriftlich festzuhalten. „In Österreich sind geschätzte 85 Prozent der Unternehmen Familienunternehmen“, sagt Märk. „Ich habe in diesem Bereich qualitative und quantitative Studien durchgeführt, weil es mich interessiert hat, wieso manche der Unternehmen an der Übergabe in die nächste Generation scheitern.“ Er stammt aus Vorarlberg und hat im engeren Umfeld miterlebt, wie aus Einzelunternehmen durch die Einbindung der Ehefrau, der Töchter und Söhne ein Familienunternehmen wurde. „Oft ist durch den seelischen Druck auf die Jungen die Bereitschaft zur Übernahme gegen null gesunken“, so Märk. Dabei ist in Mitteleuropa die Grundbereitschaft zur Übernahme der Nachfolgegeneration eher hoch. „Wenn der Übergeber nicht ständig darauf pocht, dass der Junge übernehmen soll, bleibt die Bereitschaft hoch.“

Als wichtiges Ergebnis zeigt die Arbeit, dass in Österreich oft zu spät übergeben wird: „Der Senior sollte zwischen 50 und 55 Jahre alt sein, der Übernehmer zwischen 28 und 33. In dem Alter sprechen beide die gleiche Sprache, haben die gleichen Werte, und der Übernehmer weiß, wie er seine Zukunft anlegt – ohne sich woanders umschauen zu müssen.“ Freilich sollten die Jungen vorher mal richtig rausgeschickt werden: Um sich auszutoben, neue Erfahrungen zu machen, und damit im Betrieb eine Zäsur entsteht und der „Kleine“ bei den Mitarbeitern als zukünftiger Chef anerkannt wird. „Wichtig ist, dass im Übergabeprozess die Funktion des Seniors angesprochen wird, und er einen Titel als Berater, Abteilungsleiter o.ä. bekommt.“ Vor allem in handwerklichen Betrieben will der Senior auch mal wieder zurück in die Werkstatt, oder der Bäcker wieder in die Backstube. „Die Rolle muss eben festgelegt werden“, weiß Märk, der seine wissenschaftlichen Erkenntnisse derzeit in vielen Familienunternehmen vorträgt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2011)

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