„Teller versus Tank“ lautete das Schlagwort in Diskussionen rund um den Anbau von Biomasse, die später zu Energie verarbeitet wird: Sollen Weizenfelder statt zur Nahrungsmittelproduktion zur Produktion von Ethanol für Treibstoff abgeerntet werden? Oder Mais statt zu Stärke für Bioeinkaufssackerln zu Biogas verarbeitet werden? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Bernhard Stürmer seit mehreren Jahren: „Dieses Thema ist topaktuell. Hier spielen Klimapolitik, Energiepolitik, Agrar- und Umweltfragen ebenso mit wie die Wirtschaftspolitik.“ In seiner Dissertation (Boku Wien, Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, Betreuer Erwin Schmid) präsentiert Stürmer Berechnungsmodelle, mit denen Landwirte und Wirtschaftstreibende einen Überblick bekommen, in welchen Regionen welche Energiepflanzen am wirtschaftlichsten sind. „Wir haben vor allem das wirtschaftliche Potenzial von nachwachsenden Rohstoffen zur Energieproduktion untersucht. Denn Bioenergie hat auch in Zukunft eine große Bedeutung, da vor allem für Treibstoffe kein anderer Rohstoff in Sichtweite ist“, sagt Stürmer. Er berechnete in der Dissertation ebenfalls, wie Landwirte die Kosten für die Rohstoffe zur Biogasproduktion senken können. „Man muss die Energiepflanzen sorgfältig auswählen.“
Am wirtschaftlichsten ist – und daher wird er auch am meisten angebaut – Silomais. Aber auch andere Pflanzen wie Sudangras, Weizen, Roggen oder Raps haben je nach Region und Anwendung ihre Stärken. Die Modellberechnungen von Stürmer können auf individuelle Ansprüche eingehen. „An sich ist die Produktion von Biomasse zur Energieerzeugung noch nicht konkurrenzfähig gegenüber der Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln“, so Stürmer. Ein Landwirt hat derzeit mehr davon, wenn aus seinem Weizen etwas zu essen entsteht, statt Ethanol als Treibstoffzusatz. Daher braucht es hier noch Anreize, um den Umstieg zu erleichtern. Derzeit verschiebt sich das gesamte Marktgefüge mit jedem neuen Marktteilnehmer, der für die jeweilige Verwertungsmöglichkeit im Bereich der Bioenergie auftaucht. Nun liegt es an der Politik, aussagekräftige Analysen zu nutzen, um die Zusammenhänge, je nach politischen Zielsetzungen, klarzumachen. Auf dieser Basis können die Auswirkungen der politischen Maßnahmen diskutiert werden – und die Richtung für eine nachhaltige Bioenergie-Produktion kann gefunden werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)
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