Tafelklässler vor dem PC-Bildschirm

17.03.2012 | 18:28 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Waltraud Sprung verglich Volksschulklassen, die konventionell oder per Computer lesen lernten. Die Software führt zu bewussterem Umgang mit Sprache, Schrift und Wörtern.

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„Ich habe selbst zwei Töchter: Die ältere hat mit der konventionellem Lesefibel Lesen gelernt, die jüngere mit der Software ,Lilos Lesewelt‘, einer computergestützten Lernmethode“, erzählt Waltraud Sprung. Sie selbst war auch als Lehrerin tätig und arbeitet nun als Psychologin in der Landesnervenklinik Graz. In ihrer Dissertation (Uni Graz, Sprachwissenschaft, Betreuer: Hanspeter Gadler) hat sie erste Volksschulklassen, in denen die Kinder Lesen und Schreiben auf konventionelle Art lernten, mit solchen verglichen, in denen das Computerprogramm half.

„Zudem habe ich Daten zum familiären Hintergrund erhoben und die leserelevanten Fähigkeiten der Kinder bei Schuleintritt ermittelt“, sagt Sprung. So konnte sie später kontrollieren, was davon das Lesenlernen in der Volksschule erleichtert. Es zeigte sich, dass – egal ob Bub oder Mädchen und egal ob Computerprogramm oder „nur“ Lehrerin – jene Kinder am Ende der ersten Klasse besser im Lesen waren, die im Vorschulalter schon Endreime (also z.B. Haus, Maus, Laus) gut erkennen konnten. Auch eine gute Kenntnis der Buchstaben, das Vorlesen von Geschichten und Ansehen von Bilderbüchern helfen Kindern später beim Lesenlernen. „Der Schriftspracherwerb beginnt bereits vor dem Schuleintritt“, betont Sprung – und freut sich, an einer neuen Version von „Lilos Lesewelt“ sowie an neuem Trainingsmaterial für Kindergärten mitarbeiten zu dürfen.

Ihre Analyse der Tafelklässler hat ergeben, dass „freilich weder Lehrer noch Eltern in der frühen Lesephase durch Computer ersetzt werden können. Aber das Lernprogramm unterstützt jeden Schüler individuell und schlägt extra Übungen vor, je nachdem, wo das Kind Probleme hat.“ So konnten zwar am Ende der ersten Klasse alle Kinder (im Schnitt) gleich gut und gleich schnell lesen. Doch die Schüler, die mit „Lilos Lesewelt“ gearbeitet hatten, hatten einen bewussteren Umgang mit Sprache, Schrift und Wörtern. „Vor allem die Buben scheinen von der computergestützten Methode am meisten zu profitieren.“ Sprung plädiert für einen individuellen Umgang mit Leseschwierigkeiten der Schüler: „Die Erkenntnisse der Leseforschung der letzten Jahrzehnte finden schwer Eingang in den Unterricht – es fehlt an finanziellen und personellen Ressourcen: Die Computersoftware kann da gegensteuern, sodass kein Kind auf der Strecke bleibt.“ Schließlich wirkt sich ein schwerer Start beim Lesenlernen auf die gesamte Schullaufbahn aus, wodurch schlechte Leseanfänger in der Erweiterung ihres Weltwissens eingeschränkt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2012)

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1 Kommentare

und wie wäre es, wenn Selbiges durch eine Person vermittelt werden würde?


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