Raum-Zeit-Kontinuum in der Baukultur

07.04.2012 | 20:04 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Eva Stiermayr analysierte die Begriffe "Raum" und "Zeit" aus Sicht der Kulturanthropologie und Architektur: z. B. wie Österreicher den Bau von Minaretten empfinden.

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„Ein Augenblick, ein Stundenschlag: Tausend Jahre sind ein Tag.“ Nicht erst seit Udo Jürgens fragen wir: „Was ist Zeit?“ oder „Was ist Raum?“ Auch Eva Stiermayr untersuchte diese Fragen: Sie vereinte dabei in ihrer Dissertation anthropologische und architektonische Herangehensweisen  (Kultur- und Sozialanthropologie, Uni Wien, und Institut für Architekturtheorie, TU Wien, Betreuer Hermann Mückler, Erich Lehner). „Raum- und Zeitbegriffe wurzeln in menschlichen Vorstellungswelten“, sagt Stiermayr. Und so beeinflusst das kulturelle Verständnis von Raum und Zeit unser Denken und Handeln. Stiermayr analysierte aktuelle Debatten über Architekturpolitik und Baukultur, um Schlüsse über unser gesellschaftliches Miteinander zu ziehen. „Leider nehmen viele Menschen die Zeit und den Raum als gegebene Dinge wahr und empfinden vermeintliche Veränderungen als Bedrohung ,ihres‘ Raumes und ,ihrer‘ Zeit.“ Als ob es eine „andere“ Zeit und einen „anderen“ Ort in einer „ungleichzeitigen Parallelwelt“ gäbe.

Als Beispiel zeigt Stiermayr Stadt- und Ortsbildveränderungen, bei denen es um die „Sichtbarkeit des Fremden“ geht. Über den Bau von Moscheen, Minaretten und Kuppeln wird zuerst heftig verhandelt, dann meterweise gefeilscht: So verringerte sich in Österreich die Höhe der errichteten Minarette von 32 Meter (Wien Floridsdorf, 1979), auf 15 Meter in Telfs (2006) und 13,5 Meter in Bad Vöslau (2009). „In diesen Debatten geht es oft um Vorwürfe an bestimmte Bevölkerungsgruppen, sie würden mit der Errichtung von Gebäuden Parallelwelten aufbauen“, sagt Stiermayr. Es überraschte sie, wie intensiv Österreicher über die Bedrohung diskutieren, dass solche Gebäude außerhalb von „Zeit und Raum“ positioniert sind, obwohl im Endeffekt die „anderen“ dadurch bedroht werden: „Jede Bevölkerungsgruppe braucht baulich manifestierte Orientierungsmöglichkeiten, sonst wird sie in Bewegungslosigkeit gedrängt.“ Auch die Begriffe Verdichtung, Schrumpfung oder „Auflösung von Zeit und Raum“ seziert Stiermayr aus der Sicht der Kulturanthropologin und schlägt vor, dass der Umgang mit Raum- und Zeitbegriffen bewusster wird, da diese Begriffe auch sprachlich Bilder schaffen, die große gesellschaftliche Auswirkungen haben. „Vielleicht sollten wir Verben der menschlichen Tätigkeit verwenden, wie ,raumen‘ und ,zeiten‘, um die Beziehung zu Veränderung und Bewegung zu verstehen.“

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