„Pro Jahr werden weltweit etwa 65 Milliarden Tiere geschlachtet, und da sind Meerestiere und Fische nicht mitgerechnet“, sagt Kurt Schmidinger. Er leitet die Organisation Futurefood und schrieb seine Dissertation (Boku, Lebensmittelwissenschaften, Betreuer Helmut Mayer) über Alternativen zu tierischen Produkten. Darin zeigt er einen Überblick der Probleme, die sich durch die Ausmaße der heutigen Tierhaltung ergeben, und listet Lösungen auf, die weltweit existieren. „Es ist eine Sammlung von innovativen und futuristischen Ideen“, so Schmidinger. Die Probleme der Massenproduktion von Nutztieren unterteilt er dabei in die Bereiche Umwelt und Klima, Welternährung, Tierschutz und -rechte und die menschliche Gesundheit. „Der Konsum von Tierprodukten fördert Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verschiedene Krebsformen. Außerdem steigt durch die Intensivtierhaltung auch die Gefahr von Antibiotika-Resistenzen“, sagt er. Ein Kernproblem sieht er in der Verschwendung von Ressourcen: „Für die Produktion von einer Kalorie Tierprodukt werden sieben Kalorien aus Pflanzen benötigt: Der Rest geht im Stoffwechsel der Tiere drauf. Wir produzieren also aus Getreide und Soja in großen Mengen Tierexkremente und nur nebenbei Fleisch.“
Als Lösungen zählt Schmidinger bekannte Fleischalternativen wie Tofu, Sojafleisch oder Milchalternativen wie Soja-, Hafer- und Reisdrinks auf. „Auch aus Algen oder Pilzen kann man Fleischalternativen produzieren. Aber viele Innovationen müssen noch geschmacklich besser werden bzw. viel billiger.“ Ein Anfang wäre, Eier in industriellen Prozessen, wo sie als Bindemittel, Emulgator, Färbe- oder Schaummittel eingesetzt werden, durch pflanzliche Stoffe zu ersetzen. „Ich habe Evaluierungsmodelle entwickelt, die Stärken und Schwächen jeglicher Alternativen bewerten.“ So sollten Alternativen zu Tierprodukten offensiver und nicht nur für Randgruppen beworben werden und in Supermärkten direkt im Fleisch- und Milchregal erhältlich sein. „Auch die futuristische Vision des In-vitro-Fleisches, das aus Stammzellen in Nährlösungen gezüchtet wird, habe ich evaluiert. Doch neben technologischen Problemen ist das eine große Preisfrage: Der erste In-vitro-Burger wird 200.000 Euro kosten. Die große Frage ist: Wird es gelingen, die Kosten so weit zu senken, dass In-vitro-Fleisch mit Tierfleisch, das man um wenige Euro pro Kilo bekommt, konkurrieren kann?“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)
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