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Fleisch aus Algen oder aus dem Labor?

16.06.2012 | 17:55 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Kurt Schmidinger hat weltweit nach Alternativen zu Tierprodukten für unsere Ernährung gesucht und diese nach ökonomischen und ethischen Maßstäben bewertet.

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„Pro Jahr werden weltweit etwa 65 Milliarden Tiere geschlachtet, und da sind Meerestiere und Fische nicht mitgerechnet“, sagt Kurt Schmidinger. Er leitet die Organisation Futurefood und schrieb seine Dissertation (Boku, Lebensmittelwissenschaften, Betreuer Helmut Mayer) über Alternativen zu tierischen Produkten. Darin zeigt er einen Überblick der Probleme, die sich durch die Ausmaße der heutigen Tierhaltung ergeben, und listet Lösungen auf, die weltweit existieren. „Es ist eine Sammlung von innovativen und futuristischen Ideen“, so Schmidinger. Die Probleme der Massenproduktion von Nutztieren unterteilt er dabei in die Bereiche Umwelt und Klima, Welternährung, Tierschutz und -rechte und die menschliche Gesundheit. „Der Konsum von Tierprodukten fördert Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verschiedene Krebsformen. Außerdem steigt durch die Intensivtierhaltung auch die Gefahr von Antibiotika-Resistenzen“, sagt er. Ein Kernproblem sieht er in der Verschwendung von Ressourcen: „Für die Produktion von einer Kalorie Tierprodukt werden sieben Kalorien aus Pflanzen benötigt: Der Rest geht im Stoffwechsel der Tiere drauf. Wir produzieren also aus Getreide und Soja in großen Mengen Tierexkremente und nur nebenbei Fleisch.“

Als Lösungen zählt Schmidinger bekannte Fleischalternativen wie Tofu, Sojafleisch oder Milchalternativen wie Soja-, Hafer- und Reisdrinks auf. „Auch aus Algen oder Pilzen kann man Fleischalternativen produzieren. Aber viele Innovationen müssen noch geschmacklich besser werden bzw. viel billiger.“ Ein Anfang wäre, Eier in industriellen Prozessen, wo sie als Bindemittel, Emulgator, Färbe- oder Schaummittel eingesetzt werden, durch pflanzliche Stoffe zu ersetzen. „Ich habe Evaluierungsmodelle entwickelt, die Stärken und Schwächen jeglicher Alternativen bewerten.“ So sollten Alternativen zu Tierprodukten offensiver und nicht nur für Randgruppen beworben werden und in Supermärkten direkt im Fleisch- und Milchregal erhältlich sein. „Auch die futuristische Vision des In-vitro-Fleisches, das aus Stammzellen in Nährlösungen gezüchtet wird, habe ich evaluiert. Doch neben technologischen Problemen ist das eine große Preisfrage: Der erste In-vitro-Burger wird 200.000 Euro kosten. Die große Frage ist: Wird es gelingen, die Kosten so weit zu senken, dass In-vitro-Fleisch mit Tierfleisch, das man um wenige Euro pro Kilo bekommt, konkurrieren kann?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)

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4 Kommentare
Gast: Fepp Soacher
28.06.2012 11:38
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Guter Bericht

Guter Bericht! Es ist höchst an der Zeit, unsere überkommenen Ernährungsgewohnheiten zu überdenken zugunsten einer pflanzlich ausgerichteten Ernährung!

Gast: Silvia Gamper
26.06.2012 09:37
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Klimakiller Fleisch

Endlich wird einmal die Rolle der Ernährung im Klimaschutz thematisiert! Meist geht es ja um Autofahren, Fliegen und thermische Gebäudesanierung ... offenbar sind die Ernährungsgewohnheiten medial fast ein Tabu. Zudem bieten praktisch alle großen Supermarktketten mittlerweile pflanzliche Fleisch- und Milchalternativen an. Ich denke, dass es wichtig ist, die Schwelle für die KonsumentInnen hier niedrig zu halten und dass die Produkte auch gut schmecken. Zum Glück verliert vegane Ernährung immer mehr den Nimbus des Asketischen, es gibt auch zahlreiche Genuß-Kochbücher auf wirklich hohem Niveau. Ich bin dabei und mir gibt diese positive Entwicklung Hoffnung!


Gast: TanjaMariaW
26.06.2012 09:17
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Sehr interessant

Sehr interessant, mit diesem Thema sollten sich viele Menschen auseinandersetzen in nächster Zeit!

Gast: Lilah Lou
25.06.2012 22:28
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Toller Artikel

Toller Artikel! Wird auch Zeit, dass es mehr wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Thema Tierkonsum und deren Umweltauswirkungen gibt. Leider wird bei einem Thema, wo es um unsere Gesundheit, Umwelt und Mitgeschöpfe geht sehr viel Lobbyismus betrieben und der Bevölkerung durch euphemistische und verfälschte Werbung von grünen Wiesen, glücklichen Schweinen und grasenden Kühen ein verzerrtes Bild präsentiert, das mit der Realität sehr wenig zu tun hat. Außerdem wird von Energiesparlampen und Wärmeschutz gesprochen, dass jedoch einer der größten Klimakiller die Mahlzeit auf dem eigenen Teller ist, wird gerne unter den Tisch fallen gelassen. Schweinegrippe, Antibiotikaresitenzen, Regenwaldrodungen, leer gefischte Meere - all dies deutet daraufhin, dass Tierkonsum einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Wäre schön, wenn sich die Forschung und Lebensmittelproduktion mehr auf die "futuristischen" Vorschläge von Herrn Schmidinger besinnen würde -uns und unserer Umwelt zuliebe.