Das Wort „Allee“ kommt aus dem Französischen: von „aller“, gehen. Es verrät etwas über die Geschichte: Französische Adelige zählten zu den ersten, die ihre üppigen Gärten auch in die umgebende Landschaft verlängerten und damit die gewollte Herrschaft des Menschen über die Natur ausdehnten. Freilich gab es auch schon früher Alleen, schon bei den antiken Römern: Baumpflanzungen entlang von Straßen bieten den Reisenden Schutz vor Sonne und Wind, sie geben Orientierung, die Wurzeln befestigen den Boden am Straßenrand, die Produkte der Alleebäume – Holz, biegsame Zweige zum Flechten oder Früchte – lassen sich durch die Nähe zum Weg leicht ernten und abtransportieren. Zudem sind Alleen ein ganz spezielles und reiches Biotop. Eine echte Win-win-Situation also (wie man heutzutage sagt).
Ab der Barockzeit rückte der architektonische Faktor in den Vordergrund – und aus dieser Zeit ist eine ganze Reihe imposanter Anlagen überliefert. Die älteste erhaltene herrschaftliche Allee Mitteleuropas führt seit 1615 von der Stadt Salzburg zum Schloss Hellbrunn. Aber auch in Wien gibt es eine Allee, die weit vor den wunderbaren Baumreihen an der Ringstraße entstanden ist: Dieser „Laxenburger Allee“ hat Leopold Urban nun eine ausführliche Biografie gewidmet. Urban war Direktor der Gartenbauschule Schönbrunn und hat sich auch um die Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Laxenburger Allee bemüht. Teilweise mit Erfolg.
Kurz nachdem „Kaiserin“ Maria Theresia 1740 die Herrschaft übernommen hatte, verlegte sie den Hof von der Favorita (heute: Diplomatische Akademie) in die Katterburg, das heutige Schloss Schönbrunn. Ab 1743 wurde eine 10,7 Kilometer lange Verbindung zum alten Habsburger-Schloss Laxenburg angelegt – kurz vor dem Ziel vereinigt sie sich mit der um 56 Jahre älteren Hofstraße von der Favorita nach Laxenburg. Die schnurgerade Straße ist leicht auf Straßenkarten zu finden – auch die Altmannsdorfer Straße verläuft auf dieser Trasse. Der Baumbestand ist aber nicht mehr überall vorhanden – eine Folge der autofreundlichen Politik der Nachkriegszeit, als Alleen zu Feindbildern wurden.
Heute ist das wieder anders. Bei der Revitalisierung gibt es aber viele Probleme, von denen Urban ebenfalls berichtet. Etwa mit dem „klassischen“ Alleebaum, der Weißen Rosskastanie. Für diese imposanten Bäume spielt übrigens Wien eine Schlüsselrolle: Beheimatet im südlichen Balkan, kamen die ersten Samen 1576 an den Habsburger-Hof, wo sie Carolus Clusius kultivierte. Heute gefährdet ein anderer Zuwanderer ihren Bestand: die Miniermotte, die seit 20 Jahren auch in Wien wütet.
Leopold Urban: „Die Allee von Schönbrunn nach
Laxenburg. Schicksal einer Geraden.“
244 Seiten, 29,90 Euro (Böhlau-Verlag)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)
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