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Die Lust an Katastrophen

21.07.2012 | 17:37 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Die Lust an Katastrophen und Weltuntergängen ist ungebrochen, wie Franz M. Wuketits in seinem neuen Buch eindrucksvoll analysiert.

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Für viele Menschen besteht kein Zweifel: Wir leben in einer Endzeit. Stichworte: Klimakatastrophe, Erschöpfung von Ressourcen, Eurokrise. Und nicht zu vergessen: der Maya-Kalender, der angeblich unumstößlich für den 21.Dezember 2012 das Ende der Zeiten vorhersagt. Freilich gab es Endzeitstimmungen schon öfter in der Geschichte der Menschheit und selbst in unserer Lebensspanne. Allein in den letzten zwei Jahrzehnten hätte die Welt schon mindestens sechsmal untergehen sollen, schreibt der Wiener Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits in seinem neuen Buch „Die Boten der Nemesis“: nämlich 1993, 1994, 1997, 1999, 2000 und 2004. Aber passiert ist nichts – was die Menschen dennoch nicht daran hindert, gleich den nächsten Weltuntergang zu erwarten.

„Wir dürfen annehmen, dass dem Menschen die Lust auf Weltuntergänge nie vergehen wird und man Endzeiten auch in Zukunft immer wieder vorhersagen wird“, schreibt Wuketits. Und er erklärt auch, warum das so ist. Der Mensch sei das einzige Lebewesen, das um seine Vergänglichkeit weiß, daher ist Anfang und Ende Bestandteil praktisch aller Mythen, die in der langen Menschheitsgeschichte entstanden sind. Und: Viele sind mit den tatsächlichen Zuständen auf der Welt unzufrieden, sodass sie eine Änderung herbeisehnen – dass etwa „der Komet“ sowieso kommt und alles zusammenbrechen lässt. Wobei, so Wuketits, „unsere vertrackte Psyche“ uns hoffen lässt, dass es uns nach dem Zusammenbruch besser gehen wird.

Das ist zwar ziemlich irrational, um nicht zu sagen schizophren – aber so sind wir Menschen eben. Ohne diese Sehnsucht nach der Katastrophe und der Angst vor dem Weltuntergang wäre unsere Kulturgeschichte um einiges ärmer. Und unsere Gegenwart würde ganz anders aussehen – denn wenn der Weltuntergang zu lange auf sich warten lässt, dann könne man ihn ja „künstlich vorverlegen und zum Beispiel eine globale Klimakatastrophe bereits in den nächsten Jahrzehnten voraussagen“. Den Menschen hält Wuketits tatsächlich für eine der größten Gefahren für seinen eigenen Weiterbestand: einerseits faktisch, weil er mit der Welt nicht sorgsam genug umgehe. Andererseits, weil er durch selbsterfüllende Prophezeiungen auch unabsichtlich dazu beitrage, die Welt näher an den Rand des Untergangs zu bringen.

Dennoch: Wuketits plädiert trotz dieses Pessimismus – frei nach Martin Luther – entschieden dafür, noch ein Apfelbäumchen zu pflanzen. „Denn wenn der Weltuntergang doch noch länger auf sich warten lassen sollte, werden wir uns zwischenzeitlich an reifen Äpfeln gütlich tun können.“


Franz M. Wuketits: Die Boten der Nemesis:
Katastrophen und die Lust auf Weltuntergänge.
256 Seiten, 20,60 Euro (Gütersloher Verlagshaus)

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)

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