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Der Eiserne Vorhang

11.08.2012 | 18:01 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Der Eiserne Vorhang steht im Zentrum des kompakten, aber dennoch umfassenden Begleitbandes zu einer Ausstellung in Weitra.

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Was diese Woche von Pavel Bert bekannt gegeben wurde, ist unglaublich. Der Chef der Abteilung für Aufklärung kommunistischer Verbrechen im Prager Innenministerium sprach von „falschen“ Grenzanlagen, die im Landesinneren aufgestellt wurden: Dorthin wurden Flüchtlinge von als Fluchthelfer getarnten Geheimpolizisten hingeführt. Auf der anderen Seite warteten Offiziere, die mit Uniformen der USA, Frankreichs oder Großbritanniens verkleidet waren und die „Geflüchteten“ um Namen von Tschechen fragten, die als Kontakte für westliche Geheimdienste dienen könnten. Alle Fluchtwilligen und Genannten verschwanden hinter Gittern.

Das ist ein Beispiel mehr dafür, wie unüberwindbar die Grenzen waren (siehe auch Seite 38). Am schlimmsten war wohl der „Eiserne Vorhang“ selbst. Allein zwischen der Tschechoslowakei und Österreich sind binnen 40 Jahren 129 Menschen beim versuchten Grenzübertritt ums Leben gekommen – mehr als die Hälfte von ihnen durch den Starkstrom im Grenzzaun. Diese erschütternden Zahlen finden sich in „Schauplatz Eiserner Vorhang“, einem von Armin Laussegger und Philipp Lesiak (LBI für Kriegsfolgenforschung) herausgegebenen Beitragsband zur – großartigen – kürzlich runderneuerten gleichnamigen Ausstellung im Schloss Weitra.

Dieser Band ist ein kompakter Überblick über viele Themen rund um die Teilung Europas und seine Wiedervereinigung. Auch viele Themen, die man sonst selten findet, werden berührt. Etwa die Musik als von den Kommunisten „missbrauchte Muse“ oder die Rolle des Österreichischen Bundesheeres. Wegen der Kürze fehlen in dem Katalog leider einige spannende Dinge aus der Ausstellung. Zum Beispiel zwei Fotografien des Dorfs Pohoří na Šumavě/Buchers – einmal aus den 1920er-Jahren, einmal 2003. Auf der zweiten Aufnahme ist nichts mehr von der Ortschaft zu sehen. Der Grenzstreifen war Sperrgebiet, viele Dörfer wurden nach der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung („Odsun“) nicht mehr besiedelt. Ein junges Wissenschaftlerteam der Bürgerinitiative „Antikomplex“ spürt derzeit diesen „verschwundenen Dörfern“ nach.

Eine ähnliche Initiative ist offenbar für Kirchen in Tschechien notwendig. Annemarie Fenzl erzählt in ihrem Katalogbeitrag, wie Gläubige drangsaliert und Religiöses zerstört wurde. Dieses Kapitel ist noch nicht abgeschlossen: Derzeit tobt in Prag ein heftiger Streit zwischen Regierung und Opposition um die Restitution des ehemaligen Kirchenbesitzes.


Armin Laussegger, Philipp Lesiak (Hg.): Schauplatz Eiserner Vorhang – Europa: gewaltsam geteilt und wieder vereint. 160 Seiten, 17 Euro (Verein zur Dokumentation der Zeitgeschichte Weitra)
Informationen: www.bik.ac.at oder T: 02856-50060

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)

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