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Agrargeschichte

18.08.2012 | 17:58 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Ein neues Buch erzählt eine andere – "linke" – Agrargeschichte Österreichs. Das ist zwar interessant, aber nicht befriedigend.

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In praktisch allen österreichischen Geschichtsbüchern und im Schulunterricht wird Hans Kudlich als der große „Bauernbefreier“ angesehen: Der damals mit 24 Jahren jüngste Abgeordnete im österreichischen Reichstag stellte am 24. Juli 1848 den Antrag auf die Aufhebung des bäuerlichen Untertänigkeitsverhältnisses. Diese „Grundentlastung“, durch die die Landwirte ihren eigenen Boden (gegen Entschädigung der Grundherren) bekamen und von Zehent und Robotpflichten entbunden wurden, sollte das einzige bleibende Resultat des Revolutionsjahres bleiben. In der „offiziellen“ Agrarierszene wird das bis heute als Großtat gesehen – so vergibt z.B. das Ökosoziale Forum alle zwei Jahre den Hans-Kudlich-Preis, eine der höchsten Auszeichnungen in diesem Bereich (der Autor dieser Zeilen hat ihn 2003 erhalten).

Es gibt aber auch eine andere Interpretation: Kudlich werde „ganz zu Unrecht“ als Bauernbefreier gefeiert, liest man in dem Buch „Im Kampf um ihre Rechte“ von Josef Krammer (Bundesanstalt für Bergbauernfragen) und Franz Rohrmoser (Österreichische Bergbauernvereinigung). Beim Schmökern wird schnell klar, warum die Autoren die Geschichte anders sehen: Das Buch ist eine „linke“ Interpretation der heimischen Agrargeschichte. Es legt den Fokus auf die soziale Ungleichheit, auf deren Entstehung und Entwicklung sowie auf den Widerstand und den Kampf der bäuerlichen Menschen um Selbstbestimmung.

In der Tat war die Landbevölkerung, früher die überwiegende Mehrzahl aller Europäer, alles andere als frei. Sie war eingesperrt in ein dichtes Netz von Abhängigkeiten, sie wurde von der Obrigkeit ausgebeutet – der Schweiß der Bauern finanzierte Schlösser, Stifte, adliges Luxusleben. Das ist zu beklagen. Und es ist völlig legitim und bringt auch interessante Einsichten, diese Geschichte durch die marxistisch-sozialistische Brille zu betrachten.

Den Schlüssen aus dieser Analyse muss man aber nicht unbedingt folgen. Zum Beispiel dem, dass Kudlichs Tat die Bauern keineswegs aus der Unfreiheit erlöst habe, sondern im Gegenteil die soziale Ungleichheit bloß prolongierte. Die Großbauern, so wird behauptet, konnten und können es sich bis heute zulasten der „Kleinen“ richten: Diese Kritik zieht sich durch das ganze Werk. Und mit diesem in klassenkämpferischer Manier vorgebrachten Argument wird die gesamte derzeitige Agrarpolitik zerzaust. Ohne dass die Autoren aber konkret nachweisen (können), dass dem wirklich so ist und welche Folgen es hat. Schade, dass die historische Analyse in weiten Teilen des Buchs so stark von Ideologie bestimmt wird!


Josef Krammer, Franz Rohrmoser: Im Kampf um ihre Rechte – Geschichte der Bauern und Bäuerinnen in Österreich. 198 Seiten, 17,90 Euro (Pro Media)

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)

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