Zeitumstellung

27.10.2012 | 19:29 |  Martin Kugler (Die Presse)

Die Zeitumstellung um eine Stunde bescherte uns heute einen längeren Schlaf – den wir auch nicht durch Nachgrübeln über das Wesen dieser Stunde verschenken mussten.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Heute Nacht wurde uns eine Stunde geschenkt! Um drei Uhr endete die Sommerzeit, die Winterzeit begann um zwei Uhr. Die Stunde zwischen zwei und drei Uhr gab es doppelt – wir durften sie gleich doppelt verschlafen. Eine Stunde kann subjektiv lang oder kurz sein. Eine Schulstunde kann unendlich lange dauern, eine Stunde mit dem/der Liebsten vergeht wie im Fluge. Die Zeitumstellung kann den Rhythmus mancher Menschen durcheinanderbringen, von anderen wird sie hingegen nicht bemerkt. Unabhängig davon: Wir alle meinen mit einer Stunde dasselbe – einen definierten Zeitraum, der durch Schwingungen eines Caesiumatoms definiert wird, in 60 Minuten eingeteilt wird und mal 24 genommen einen ganzen Tag ergibt.

Dass jede Stunde wirklich gleich lang dauert, war nicht immer so. Die Länge einer Stunde in unserem heutigen Sinne kann man nämlich in der Natur nicht direkt ablesen, man kann nur drei Zeitpunkte genau bestimmen: den Sonnenauf- und -untergang sowie den Höchststand der Sonne. Seit der Antike wird der Tag in 24 Stunden eingeteilt, die Stunden dauerten seinerzeit aber nicht gleich lang: Sowohl der Tag als auch die Nacht wurden in jeweils zwölf Stunden unterteilt. Im Sommer, wenn die Tage länger sind, dauerten Tagstunden daher länger als Nachtstunden. Und umgekehrt. Eine exakte Tageszeit konnte man kaum angeben: Durch Sonnen-, aber auch Wasser- oder Sanduhren wurde die Zeitdauer immer besser greif- und messbar, eine Revolution brachte die Erfindung von genauen mechanischen Uhren. Und erst seit 1967 ist die Dauer einer Stunde – genauer: einer Sekunde als 3600ster Teil davon – exakt definiert.

Allerdings: Der Sonnenlauf hält sich nicht an die Definition. Selbst die beste Sonnenuhr weicht von der heute gültigen „koordinierten Weltzeit“ (UTC) und den abgeleiteten Weltzeitzonen ab. Das liegt nicht nur daran, dass der Sonnenhöchststand je nach geografischer Länge variiert, sondern auch daran, dass die Erde in einer Ellipsenbahn um die Sonne kreist und die Erdachse gegenüber der Bahnebene geneigt ist – dadurch verschiebt sich der Sonnenhöchststand gegenüber UTC im Jahreslauf um plus 14 bzw. minus 16 Minuten. Zudem dreht sich die Erde wegen Magmabewegungen im Untergrund und den Gezeitenkräften unterschiedlich schnell – was derzeit gegenüber Atomuhren eine Abweichung von 35 Sekunden ausmacht.

Ziemlich kompliziert! Da ist es ein Glück, dass es heute ein Zeitzählungsgesetz gibt, durch das wir nicht über das Wesen der Stunde nachgrübeln müssen – und darob vielleicht um unseren Schlaf in der geschenkten Stunde gekommen wären.

martin.kugler@diepresse.com

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

AnmeldenAnmelden