Wort der Woche: Erich Streissler

Neuigkeiten über das Verhältnis zwischen Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum, die nicht optimistisch stimmen – wie es viele Ökonomen gern hätten.

Erich Streissler zuzuhören ist stets ein Gewinn. So auch diese Woche in der Akademie der Wissenschaften, als der Ökonom mit einem kurzen, aber ungemein präzisen – und zornigen – Statement ein von ihm organisiertes Symposium zur „Langfristigen Wirtschafts- und Umweltprognose“ eröffnete. Der Mensch, der „ganz falsch als Homo sapiens bezeichnet wird“, sei „dasjenige Wesen, welches in einmaliger Art zur individuellen und erst recht zur kollektiven Selbstbelügung fähig“ ist. Tendenziell würden die meisten Naturwissenschaftler die materielle Entwicklung sehr skeptisch sehen, Ökonomen hingegen seien viel optimistischer. „Sie lassen sich gern durch das meist völlig falsch verstandene, nur kurzfristig orientierte Sozialproduktmaß verführen.“ Naturwissenschaftler indes redeten „richtigerweise von negativer Effekten, die in die Sozialproduktrechnung überhaupt nicht eingehen“.

Streisslers Haltung in dieser Debatte ist klar: „Wir sind seit Jahrzehnten in einer Abwärtsentwicklung.“ Auch in Zukunft sieht er eine Verknappung von Ressourcen, die sich in Preissteigerungen ausdrücken werden. Seine Einschätzung ist natürlich umstritten – aber sie wird durch immer mehr Forschungsergebnisse gestützt. So auch durch die Studie einer Forschergruppe um Julia Steinberger, die an der Universität Leeds (UK) und am Institut für Soziale Ökologie der Uni Klagenfurt arbeitet. Analysiert wurde darin, ob eine Entkoppelung zwischen Wirtschaftswachstum und Ressourceneinsatz möglich ist – und zwar anhand der Daten von 39 Staaten zwischen 1970 und 2005. Das Ergebnis: Zu jeder Zeit gab es überall einen klaren Zusammenhang zwischen ökonomischer Entwicklung und Umweltverbrauch (PLoS One; 8: e70385).Einen Rückgang des Ressourceneinsatzes gab es nur, wenn die Wirtschaft schrumpfte.

Das ist keine gute Nachricht – denn sie entlarvt alle Hoffnungen auf eine „Dematerialisierung“ der Wirtschaft als unrealistisch. Mitautor Michael Getzner (TU Wien) drückt es so aus: Das angestrebte Wirtschaftswachstum lasse sich nicht auf umweltschonende Weise erreichen – alles andere „sei Wunschdenken“. Daran ändert auch nichts, dass die „reifen“ Staaten vermehrt sparsamere Technologien einsetzen. Denn die Effizienzsteigerung wird nicht dazu genutzt, um den Ressourceneinsatz zu senken, sondern, um den Komfort zu steigern („Rebound-Effekt“). Die Abhängigkeit von Rohstoffen ist daher unverändert hoch.

Fazit: Der Mensch ist offenbar unfähig, aus rationalen Einsichten die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Er ist, siehe oben, nicht wirklich ein „Homo sapiens“, er ist ein Meister der Selbstbelügung.

martin.kugler@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2013)

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