Epigenetik

18.04.2009 | 18:13 |  von jürgen Langenbach (Die Presse)

August Weismanns Barriere zwischen Zellen der Keimbahn und der Soma (des restlichen Körpers) hielt über hundert Jahre. Inzwischen ist sie löchrig geworden, durch Epigenetik.

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Am 17. Oktober 1887 griff August Weismann, Direktor des Zoologischen Instituts der Universität Freiburg, zum Messer und schnitt zwölf weißen Mäusen, sieben Weibchen und fünf Männchen, den Schwanz ab, dann ließ er sie in Frieden leben und lieben. Einigen ihrer Jungen schnitt er wieder den Schwanz ab, und so weiter über 22 Generationen, nie hatte eine der neugeborenen Mäuse einen verstümmelten Schwanz: Lamarck war widerlegt, Darwin zurechtgewiesen. Lamarck hatte vermutet, dass Eigenschaften, die im Lauf des Lebens erworben werden, an die nächste Generation gehen, dass der Sohn des Schmieds schon bei der Geburt muskulöse Arme hat. Darwin war dem zeitweise nicht abgeneigt, es brachte Tempo in die Evolution.

Aber mit den Mäuseschwänzen war alles so klar, dass die „Weismann-Barriere“ zu einem Grundpfeiler der Biologie wurde: Es gibt zwei Typen von Zellen, somatische und Keimbahn-Zellen. Aus Ersteren besteht unser vergänglicher Körper, Letztere geben das Überlebende, die in den Genen kodierte Information, weiter an die nächste Generation. Zwischen beiden herrscht Einbahnverkehr: Aus Keimbahn wird Soma (oder wieder Keimbahn), aber nie wird aus Soma Keimbahn, nie kann die Erfahrung, die eine Zelle – oder gar ein ganzer Körper – erwirbt, in die Keimbahn eingehen, Erlerntes wird nicht vererbt, basta, Lamarck!

Aber dann kam der „zweite Darwin“, der „Krötenküsser“ Paul Kammerer in Wien, er fand lamarckistische Phänomene an Amphibien, nur er fand sie, es blieb umstritten, Kammerer beging Selbstmord, die „Weismann-Barriere“ hielt. Inzwischen ist sie löchrig geworden, zumindest in dem Sinn, dass Einflüsse aus der Umwelt direkt auf das Erbe – Keimzellen – durchschlagen können: Erst bemerkte man an Mäusen, dass das Futter der Mütter die Jungen beeinflusst, dann bemerkte man es auch an Menschen: Kinder von Müttern, die während des „Hungerwinters“ in Holland am Ende des Zweiten Weltkriegs mit ihnen schwanger gingen, leiden heute vermehrt an Krankheiten, bei denen Gene mitspielen. Diese selbst wurden durch den frühen Hunger nicht verändert – insofern hält die Barriere –, aber ihre Aktivierung wurde es, durch epigenetische Mechanismen, das sind Steuerungen der Genaktivitäten etwa durch Methylgruppen, die an sie angehängt werden. Sie kommen durch die Barriere, direkt von der Umwelt zum Keim. Ob sie das auch indirekt können – sich erst in einem erwachsenen Körper in dessen Auseinandersetzung mit der Umwelt verändern und dann vererbt werden, Lamarck im strengen Sinn –, ist damit zwar nicht gesagt, aber auch nicht ausgeschlossen.

juergen.langenbach@diepresse.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2009)

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