Die Macht der Gerüche

Über die Macht der Gerüche denkt man für gewöhnlich nicht viel nach. Obwohl unser Geruchssinn vergleichsweise schlecht ist, beeinflussen Düfte unser Verhalten stark.

„Jede Stadt hat den Geruch, den sie verdient. Berlin riecht nach Hölle mit Benzin, Wien nach Paradies mit Pferdemist“, notierte Karl Kraus 1910. Ausgegraben hat diesen wunderbaren Satz Peter Payer für seine jüngste Veröffentlichung „Wien. Die Stadt und die Sinne“ (309 S., 22 Euro, Löcker). Kraus' Aussage illustriert sehr schön, dass wir stets irgendwelchen Gerüchen ausgesetzt sind. „Jedes Atmen ist ein mögliches Riechen“, formuliert Paul Divjak in „Der Geruch der Welt“ (76 S., 15 Euro, Edition Atelier). Allerdings: „Dass etwas gerochen werden kann, heißt nicht, dass es auch benannt werden kann.“ Das Gros der Geruchseindrücke wird uns nicht bewusst.

Der Geruchssinn ist jener unserer fünf Sinne, über den wir am wenigsten wissen. Menschen können mehr als eine Billion Gerüche unterscheiden, unser olfaktorischer Apparat ist ungemein plastisch – er verändert sich ständig. Bekannt ist, dass Düfte unsere Gefühlswelt beeinflussen und z. B. Erinnerungen heraufbeschwören. Wie groß die Macht der Gerüche über uns ist, überrascht aber doch immer wieder. So haben japanische Forscher herausgefunden, dass der Geruch von Kleinkindern zu einer Intensivierung der Kinderbetreuung führt – und dass Mütter ihre eigenen Babys eindeutig am Duft erkennen (PLoS One 3. 5.).

Gerüche sind aber auch zwischen Erwachsenen ein wichtiges Signal: Laut US-Psychologen kann jeder zweite Mensch allein anhand des Geruchs sicher sagen, ob sein Gegenüber Angst hat oder Freude empfindet. Ein weiteres Drittel kann das so halbwegs, 18 Prozent der Menschen fehlt diese Fähigkeit völlig (PLoS One 5. 5.).

Noch um ein Vielfaches differenzierter können Hunde riechen – sie nehmen Gerüche wahr, von deren Existenz wir nicht einmal eine Ahnung haben. Trainierte Hunde finden problemlos Sprengstoffe, Drogen, Leichen, Lawinenopfer oder Schimmel, sie können Krebserkrankungen erschnüffeln und sogar zweieiige Zwillinge unterscheiden.

Am Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) wurden in den vergangenen Jahren 77 Hunde dafür ausgebildet, Bäume am Geruch zu erkennen, die von einer bestimmten Borkenkäfer-Art befallen sind. Wie eine eben veröffentlichte Studie ergab, machen sie das mit unglaublich wenigen Fehlern (EPPO Bulletin 46, S. 148).

„Alles Riechen ist mögliches Erkennen“, stellt Divjak fest – und ärgert sich darüber, dass der Geruchssinn in der Philosophie vernachlässigt und gering geschätzt wird. Ein Fehler!

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

 

 

 

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche


[MA6L4]

(Print-Ausgabe, 22.05.2016)

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