Diversität

Ein Hoch auf die Diversität: Wie in der Ökologie so ist auch im Welthandel die Vielfalt der beste Garant dafür, Krisen meistern zu können.

Der Freihandel ist arg in Verruf gekommen. Nachdem 2003 der Ausbau des multilateralen WTO-Systems gescheitert war, setze die Staatenwelt vermehrt auf bilaterale Handelsverträge. Aber auch dieser Ansatz stockt nun: Die USA steigen aus Handelsverträgen aus, in Europa sind neue Abkommen kaum mehr durchsetzbar. Wie es aussieht, werden die vielfältigen Verbindungen zwischen Staaten zurückgeschraubt, die globalisierte Welt zerbricht in kleinere Stücke. Aus ökonomischer Sicht ist das zu beklagen: Der wachsende Welthandel hat über Jahrzehnte das Wirtschaftswachstum gesteigert und Hunderten Millionen Menschen größeren Wohlstand gebracht – sowohl in Industrie- als auch in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Der Abbau der internationalen Beziehungen wirft aber auch ein zweites gravierendes Problem auf, wie eine eben erschienene Studie eines internationalen Wissenschaftlerteams um Ali Kharrazi (IIASA Laxenburg) zeigt: Je dünner das Beziehungsgeflecht ausgeprägt ist, umso empfindlicher reagiert das Welthandelssystem auf Schocks (PlosOne, 16. 2.). Zu diesem Ergebnis kamen die Forscher, indem sie Modelle aus der Ökologie auf die weltweiten Wirtschaftsbeziehungen anwandten. Konkret nutzten sie ein Modell zur Beschreibung der Nahrungsnetze in der Natur: Dort ist klar, dass eine vielfältige Nahrungsbasis dem Überleben dienlich ist. Ein Lebewesen, das auf einige wenige Nahrungsquellen spezialisiert ist, kommt zwar bei guten Bedingungen sehr effektiv an Futter, gerät aber in Bedrängnis, wenn die Futterarten Probleme haben. Oder allgemeiner ausgedrückt: Je mehr Redundanzen es in einem Netzwerk gibt, umso resilienter (widerstandsfähiger) ist dieses gegen Schocks.

Dieselben Zusammenhänge fanden die Forscher, als sie mit diesem Modell den globalen Güterhandel zwischen 1996 und 2012 untersuchten – der größte Schock war dabei die Wirtschaftskrise 2008/09, die die Welt erschütterte. Die Analyse erbrachte zwei klare Lehren: Zum einen konnte bewiesen werden, dass hocheffiziente Systeme zwar kurzfristig gut funktionieren, aber sehr empfindlich auf Störungen reagieren. Zum anderen zeigte sich, dass redundante Systeme mit hoher Diversität – die Schocks leichter verdauen können – nicht notwendigerweise weniger effizient sein müssen.

Auch wenn das so manche Provinz- oder Weltpolitiker, die sich in Isolationismus und Protektionismus gefallen, nicht wahrhaben wollen: Je reichhaltiger Beziehungsnetzwerke sind, umso besser sind alle dran.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2017)

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