Städte

Karten von Städten können niemals umfassend und objektiv sein, lernt man derzeit im Wien-Museum. Aber auch die zutiefst subjektiven Sichtweisen auf die Stadt können faszinieren.

Was denn das Wesen einer Stadt sei, wird je nach Blickwinkel unterschiedlich beantwortet. Für Techniker besteht eine Stadt aus Infrastrukturnetzwerken, Kulturwissenschaftler sehen den „Idealfall einer Kulturraumverdichtung“. Soziologen betonen die starke Differenzierung der Einwohnerschaft, Ökologen betrachten Städte als Brennpunkte des Ressourcenverbrauchs. Und in der modernen Urbanistik gelten sie als Zentren von Kooperation, Kreativität und Innovation.

Städte sind jedenfalls ziemlich komplexe Gebilde, die nicht so leicht zu fassen sind. Heute nutzt man digitale Technologien („Smart City“), um sich einen Überblick zu verschaffen. Früher war das ungleich schwieriger – aber dennoch wurde es zu allen Zeiten versucht, wie in der Ausstellung „Wien von oben“ deutlich wird, die noch bis kommendes Wochenende im Wien-Museum zu sehen ist.

Das Ziel, die „Stadt auf einen Blick“ zu erfassen (so der Untertitel der Ausstellung), kann freilich niemals vollständig gelingen. Denn Karten und andere Stadtdarstellungen können immer nur Ausschnitte der Realität und bestimmte Aspekte zeigen (siehe oben). Die Abbilder verraten viel über den kulturellen Hintergrund des Erstellers – und auch über den Zweck, warum sie überhaupt angefertigt wurden. Offensichtlich ist das etwa bei einem ausgestellten Wien-Plan des Bundesheeres, der die erwarteten Konfliktzonen bei den Februar-Kämpfen 1934 zeigt. Meist läuft das aber subtiler: So manche Stadtansicht wurde mit dem Ziel gezeichnet, den eigenen Ruhm zu vergrößern. In Karten verpackt sind überdies Visionen und Idealbilder – etwa, wie eine „moderne“ Stadt auszusehen habe.

Die Ausstellung lehrt, dass ein objektiver und umfassender Blick von oben auf die Stadt unmöglich ist. So ist es nur folgerichtig, dass zusätzlich zu den vielen imposanten Ausstellungsstücken auch einige zutiefst subjektive Blicke auf die Stadt geworfen werden – dass also auch „Wien von unten“ gezeigt wird. In einem Forschungsprojekt wurde z. B. erfasst, wie Schüler aus Wiener Außenbezirken die Stadt anhand ihrer täglichen Wege wahrnehmen.

Noch eindrucksvoller ist eine große „Wien-Karte der Gefühle“: Die Besucher waren aufgefordert, mit farbigen Pickerln Orte der Angst, der Freude, des Ärgers und der Lust zu markieren. Die Tausenden aufgeklebten Gefühlspunkte zeichnen nun ein faszinierendes Bild der Stadt: Abgesehen von einigen „Hotspots“ der Angst (z. B. AKH, Praterstern) ist Wien demnach ein großer Ort der Freude! ?


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum-Magazins“.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2017)

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