Wort der Woche

Bericht zur Lage der Welt

Der Club of Rome hat einen neuen Bericht zur Lage der Welt vorgelegt – und vergaloppiert sich dabei in eine völlig unausgegorene Kritik der Moderne.

Seit bald 50 Jahren regen die Berichte des „Club of Rome“, einer Vereinigung kritischer Experten, die sich um die Zukunft der Welt sorgen, zum Nachdenken an. 1972 erschienen die „Grenzen des Wachstums“, seither folgten viele gescheite Bücher zum Thema Nachhaltigkeit.

Zum Nachdenken regt auch der neue Bericht „Wir sind dran“ an (394 S., Gütersloher Verlagshaus, 25,70 €). Allerdings weniger deshalb, weil die publizierten Thesen so geistreich wären, sondern vielmehr wegen der Frage, ob die Herren des Club of Rome (Damen sind in der Minderheit) auch in Zukunft als Vordenker ernst genommen werden wollen bzw. können. Denn neben bekannten Befunden – dass die Grenzen des Wachstums bald erreicht seien– und einem Überblick über zukunftsweisende Projekte begeben sich die Autoren intellektuell auf sehr dünnes Eis: Sie haben sich nämlich vorgenommen, die philosophischen Hintergründe der Krise zu beleuchten. Nun: Diese Betrachtungen sind – leider – völlig unausgegoren und ziemlich dünn.

Propagiert wird etwa die These, dass alle heute gängigen Denkmuster, Religionen und Wirtschaftstheorien in einer „leeren Welt“ entstanden seien, in der wir Menschen nur ein winziger Teil waren und in der die Natur unsere Aktivitäten leicht „verdauen“ konnte. Heute lebten wir hingegen in einer „vollen“ (also einer vom Menschen bis an die Grenzen beanspruchten) Welt – und für diese würden sich die alten Denkweisen nicht mehr eignen. Die Folge seien die heutigen Krisen. Dieses Bild mag intuitiv interessant sein, eine befriedigende Begründung liefern die Autoren aber nicht.

Dennoch resultiert daraus die Forderung nach einer „neuen Aufklärung“. Denn die „alte“ Aufklärung, die ebenfalls aus der „leeren Welt“ stamme, sei wegen ihres Reduktionismus zu einer „Rechtfertigungslehre für grenzenlose Freiheit, Egoismus und Entstaatlichung verkommen“, heißt es. In Zukunft solle man sich an den „großartigen Traditionen anderer Zivilisationen orientieren“ – etwa an Hopi- und einigen asiatische Traditionen (Yin und Yang), die eine „Tugend der Balance“ und „Synergien zwischen Gegensätzen“ betonten.

Man kann dieser Meinung sein. Aber dieses Reformprojekt „Neue Aufklärung“ zu nennen ist verfehlt: Die Aufklärung zielte seinerzeit auf die Befreiung von überkommenen Autoritäten und auf die Ermutigung zum Selbstdenken ab. Mit der nun geforderten Rückkehr alter Weisheitslehren in unser Denken hat das nichts zu tun.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum-Magazins“.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2017)

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