Wort der Woche

Forschungsglaube

Das neu eröffnete Weltmuseum Wien erinnert an Forscher, die in der Zwischenkriegszeit einen ethnologischen Gottesbeweis suchten: eine Geschichte, aus der man einiges lernen kann.

Wilhelm Schmidt (1868–1954) ist heute allenfalls einigen Spezialisten bekannt. In der Zwischenkriegszeit war der Ethnologe aber eine „große Nummer“ im Wiener Wissenschaftsbetrieb: Er etablierte gemeinsam mit Wilhelm Koppers die Wiener Schule der Völkerkunde, 1928 war er Mitgründer des Instituts für Völkerkunde (heute Kultur- und Sozialanthropologie) an der Universität Wien. Es ist das Verdienst des kürzlich wiedereröffneten Weltmuseums Wien, an Schmidt zu erinnern – und mit ihm an den seinerzeitigen Kulturkampf zwischen Katholiken und Vertretern der „gottlosen“ Moderne.

Schmidt war Pater bei den Steyler Missionaren (Missionshaus St.Gabriel). Sein Forschungsprogramm klingt aus heutiger Sicht kurios: Er und seine Mitstreiter (vielfach ebenfalls Geistliche) wollten die christlichen Werte mit ethnologischen Mitteln beweisen, sie suchten einen ethnologischen Gottesbeweis. Das Vehikel dafür war die „Kulturkreislehre“, v. a. das Studium von „Urkulturen“: Schmidt ging davon aus, dass „primitive Völker“ den Glauben an ein höchstes Wesen gemeinsam hätten und dass dieser Gott ein Menschenpaar geschaffen habe – was als Beweis für eine „gottgewollte Monogamie“ angesehen wurde. Dieses Forschungsprogramm scheiterte: Bei den Expeditionen in alle Welt – ausgehend von Missionsstationen – zeigten sich Widersprüche, die aber als Ausnahmen, die die Regel bestätigten, abgetan wurden.

Schmidt war in seinen Kreisen hoch angesehen, er wurde aber auch sowohl von Linken als auch von Nationalsozialisten angefeindet. Er hielt z. B. überhaupt nichts von der „Rassenlehre“ – für ihn machte nicht der Körper, sondern die Seele den Menschen aus, und Letztere werde nicht vererbt. Nach dem Anschluss musste er Österreich verlassen. Seine Lehren wurden nach dem Krieg ad acta gelegt.

Aus dieser Geschichte kann man einiges lernen: Erstens waren die Kulturkämpfe in der Zwischenkriegszeit vielfältiger, als uns heute bewusst ist. Zweitens zeigt sich, dass Wissenschaft immer zeitgebunden und eine Verquickung von Weltanschauung und Wissenschaft zum Scheitern verurteilt ist – womit die Patres freilich nicht allein waren, denn auch linke Forscher suchten damals stets nach Beweisen für ihre Weltanschauung. Und drittens war die Arbeit der katholischen Ethnologen trotz des Scheiterns nicht vergeblich: Ihre umfangreichen Sammlungen sind bis heute wertvoll für die Wissenschaft.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“. 

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2017)

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