Impfstoffe

Impfstoffe haben die Medizin revolutioniert. Dennoch gibt es noch viele Lücken im immunologischen Wissen. Die EU startet daher nun ein riesiges Forschungsprojekt.

Der Startschuss fiel im Jahr 1796. Dem englischen Arzt Edward Jenner fiel auf, dass Melkerinnen nicht an Pocken sterben. Er vermutete, dass das damit zusammenhängt, dass viele Melkerinnen an Kuhpocken leiden – einer milden Form der Erkrankung. Dann wagte er das Experiment: Er entnahm Eiter aus Kuhpockenpusteln und impfte damit einen achtjährigen Buben. Und in der Tat: Dieser wurde immun gegen die echten Pocken.

183 Jahre später, 1979, erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet. Auch viele andere Infektionskrankheiten, von Masern bis zu Tetanus, haben ihren Schrecken verloren. Wirksame Impfungen gelten daher – neben der Erfindung von Antibiotika – als größter Sieg des Menschen gegen tödliche Krankheiten. Allerdings bemerkten Forscher, dass man mit herkömmlichen Methoden zur Impfstoffentwicklung an Grenzen stößt: Gegen viele Erreger ist man bis heute machtlos. Mit dramatischen Folgen. Jeden Tag werden Schätzungen zufolge 11.000 Menschen weltweit mit HIV neu infiziert, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in der täglichen Gefahr, an Malaria zu erkranken, und alle 20 Sekunden stirbt jemand an Tuberkulose.

Die EU hat daher ein riesiges Forschungsprojekt auf die Beine gestellt: 42 Partner – Universitäten, außeruniversitäre Labors, Pharmakonzerne und Biotechfirmen – beteiligen sich an dem fünfjährigen Projekt Aditec (Advanced Immunization Technologies). Vom Budget von 41 Millionen Euro stammen 30 Millionen Euro von der EU. Zwei österreichische Organisationen sind involviert: das Institut für Biomedizinische Alternsforschung (IBA) der ÖAW und das Biotech-Unternehmen Intercell.

Ziel ist es, mit innovativen Technologien bessere und sicherere Impfstoffe herzustellen. Das umfasst effizientere Forschungsmethoden – bisher musste man mangels Verständnis von immunologischen Mechanismen oft nach dem „Trial-and-Error“-Verfahren vorgehen – genauso wie die Bekämpfung von Krankheiten, gegen die es noch keine Impfungen gibt, und spezielle Impfprogramme für Neugeborene und ältere Menschen. Letzterer Programmteil wird vom IBA in Innsbruck geleitet.

Die Herausforderungen werden jedenfalls nicht kleiner, sondern immer größer. Sie kommen auch aus Bereichen, die man für besiegt gehalten hat: Forscher der Vetmeduni Wien haben kürzlich herausgefunden, dass für geschwächte Menschen Kuhpocken zu einem wachsenden Problem werden. Diese Viren kommen zwar bei Rindern heute kaum mehr vor, aber eine von sechs wild lebenden Mäusen tragen Kuhpocken in sich – und die Übertragung durch Katzen auf Menschen ist möglich.

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2011)

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