Das Österreichische Kuratorium für Fischerei und Gewässerschutz hat diese Woche Alarm geschlagen: Schwarzmeergrundeln sind in österreichische Gewässer eingedrungen und richten große Schäden an heimischen Fischbeständen an. Die fingergroßen Fische können sich in Steinufern gut vor Räubern verstecken und ungestört ihre Nachkommen aufziehen, sie fressen ihrerseits aber große Mengen Fischlaich und Jungfische.
Die Schwarzmeergrundeln sind nicht untypisch: Immer mehr Lebewesen breiten sich in fremden Lebensräumen aus – man nennt sie „Neobiota“. Laut Daten des EU-Projekts Daisie stammen in Österreich 27 Prozent aller Pflanzenarten aus anderen Regionen („Neophyten“), bei Tieren gut ein Prozent („Neozoen“). Experten sind sich einig, dass die Zahl von Neobiota steigen wird.
Die zwei wesentlichen Ursachen dafür lassen sich anhand der Schwarzmeergrundeln illustrieren: Zum einen breiten sich viele Individuen durch den vermehrten Handel und Verkehr aus – im konkreten Fall durch Wasser in Ballasttanks. Zum anderen schaffen erst Eingriffe des Menschen in die Lebensräume – hier die künstliche Ufergestaltung – die Bedingungen, dass eine neue Art Fuß fassen kann.
Die „biologische Homogenisierung“ der Welt ist kein ganz neues Phänomen: Auch der Mensch ist ein Neozoon – er wanderte aus Afrika in die anderen Erdteile. Eine neue Dimension bekam die Artenwanderung durch die Überwindung der biogeografischen Grenzen durch moderne Verkehrsmittel. Als Startpunkt gilt die Atlantiküberquerung von Christoph Columbus 1492 (auch wenn die früheren Amerika-Besuche der Wikinger durch das Auftreten der amerikanischen Sandklaffmuschel ab dem 13.Jahrhundert in Skandinavien nachweisbar sind).
Viele Arten wurden gezielt nach Europa gebracht (Kartoffel, Regenbogenforelle oder Seidenraupe), noch viel mehr wurden unabsichtlich eingeschleppt. Viele beeinflussen die heimische Flora und Fauna – der amerikanische Mink etwa verdrängt den europäischen Nerz. Manche neuen Arten richten große Schäden an: früher die Reblaus oder der Kartoffelkäfer, aktuell der Maiswurzelbohrer. Bedrohlich ist derzeit Ambrosia (Ragweed) mit ihrem riesigen Allergiepotenzial.
Einfache Abhilfe gibt es nicht: Angesichts der Zunahme des Handels und Personenverkehrs ist Prävention schwierig, das Verhindern der Ansiedlung durch frühzeitige Bekämpfung ist aufwendig. Am sinnvollsten ist es, die Lebensräume möglichst „natürlich“ zu belassen: Eine an den Standort angepasste Artenvielfalt ist der beste Garant dafür, dass alle ökologischen Nischen besetzt sind und sich „Eindringlinge“ nur schwer ausbreiten können.
martin.kugler@diepresse.com diepresse.com/wortderwoche
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)
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