Im Jahr 1932 wählten US-Forscher 399 afroamerikanische Tagelöhner aus, die mit Syphilis infiziert waren. In einem staatlich finanzierten Experiment wollte man dokumentieren, wie sich die Krankheit langfristig entwickelt – inklusive Autopsie nach dem Tod. Den Teilnehmern wurde nicht mitgeteilt, dass sie an Syphilis litten, sie wurden nicht behandelt. Beim Start der Studie gab es auch noch keine wirksame Therapie. Aber das Studiendesign blieb auch nach der Einführung von Penizillin 1947 unverändert. Erst 1972 bekam die Presse von dem Experiment Wind, die Studie wurde umgehend abgebrochen.
Das „Tuskegee Syphilis Experiment“ hatte riesige Auswirkungen auf die Debatte um Medizinethik: Weltweit wurden ab den 1970er-Jahren Ethikkommissionen eingerichtet, die über Studien und Behandlungsmethoden wachen sollten. Doch schon die Erfahrungen aus der Jahrhundertmitte – Versuche an KZ-Insassen im „Dritten Reich“, japanische Experimente an Kriegsgefangenen oder die psychiatrische „Behandlung“ politischer Gegner in der Sowjetunion – hatten klargemacht, dass Selbstverpflichtungen wie der Hippokratische Eid nicht ausreichten. Ein erster Versuch eines Regelwerks war der „Nürnberger Kodex“ nach den Kriegsverbrecherprozessen 1947. 1964 regelte der Weltärztebund in der Deklaration von Helsinki ethische Grundsätze bei der medizinischen Forschung.
Heute ruht die Medizinethik auf vier Pfeilern: Respekt vor der Autonomie des Patienten, Schadensvermeidung, Fürsorge und Hilfeleistung sowie Gleichheit und Gerechtigkeit. Bis sich diese Standards durchsetzten, dauerte es. Weiterhin wurden fragwürdige Experimente und Therapien durchgeführt – wie man seit dieser Woche weiß auch in Österreich (Stichwort: Malaria-Therapie). Das lässt sich nicht nur dadurch erklären, dass es auch unter Ärzten und Forschern Kriminelle, Sadisten und skrupellose Karrieristen gibt. Es rührt vielmehr an ein Grundproblem, dem auch Menschen begegnen, die nach bestem Wissen und Gewissen handeln: Medizinischer Fortschritt ist untrennbar mit zwei Problemen verknüpft. Erstens müssen neue Behandlungsmethoden auch an Menschen erprobt werden, und zweitens werden herkömmliche Therapien sukzessive durch wirksamere ersetzt.
Das erfordert eine ständige Abwägung der ethischen Prinzipien – denn diese widersprechen sich bisweilen (eine Chemotherapie z.B. entspricht der Fürsorgepflicht, widerspricht aber der Schadensvermeidung). Durch den rasanten Fortschritt werden die Probleme nicht kleiner. Und hoffentlich stoßen wir nicht in 20 oder 30Jahren auf heutige Experimente und Behandlungsmethoden, über die wir dann angewidert den Kopf schütteln müssen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)
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