Geodäsie

03.03.2012 | 18:05 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Die Geodäsie – die Wissenschaft von der Vermessung und Aufteilung der Erde – bekommt einen eigenen Gedenktag.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Manche Meldungen, die auf den Schreibtisch bzw. in die Mailbox flattern, will man zuerst gar nicht glauben: So wurde der morgige Montag zum ersten „europäischen Tag der Geodäsie“ erklärt. Der 5. März 1512 – also vor genau 500 Jahren – ist als Geburtstag von Gerhard De Kremer überliefert, besser bekannt in der latinisierten Form: Mercator. Im belgischen Leuven, später in Duisburg entwickelte Mercator die Zylinderprojektion, um die dreidimensionale Erde auf zweidimensionalen Karten darstellen zu können. Auf dieser Basis erstellte er 1538 die erste Weltkarte, 1541 seinen ersten Erdglobus und 1551 den ersten Himmelsglobus (zwei der Prachtstücke sind auch im Wiener Globenmuseum – dem weltweit einzigen Museum dieser Art – zu bestaunen). Mit seiner Arbeit wurde er zum Gründungsvater des modernen Vermessungswesens – inklusive „Google Earth“ und GPS-Navigation.

Das Land vermessen und aufgezeichnet haben die Menschen schon im Alten Ägypten: Für das Festhalten von Veränderungen der Landflächen nach den alljährlichen Nilüberschwemmungen waren Geodäten verantwortlich. Spätestens mit den Entdeckungs- und Eroberungsreisen europäischer Seefahrer wurden exaktere Methoden notwendig, die Erde zu vermessen und darzustellen. Viele helle Köpfe haben über Jahrhunderte für viele Verbesserungen gesorgt.

Was aber nicht heißt, dass die Geodäsie eine abgeschlossene Wissenschaft ist. So hat die Satellitentechnik nicht nur zu einem sprunghaften Anstieg des Wissens geführt, sondern auch viele neue Probleme aufgeworfen. Die Erde ist etwa alles andere als eine Kugel – und auch kein Rotationsellipsoid, sondern ist durch Anomalien der Erdschwere ziemlich verbeult. Die Erforschung des Schwerefeldes ist ein heißes Thema – unter anderem am Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (einer Dienststelle des Wirtschaftsministeriums).

Noch komplizierter wird die Sache, weil sich die Oberfläche der Erde mit der Zeit verändert – etwa durch Hangrutschungen oder Erdbeben. Das lässt sich sehr gut durch Laser Scanning aus Flugzeugen messen – eine Technik, bei der beispielsweise die Uni Innsbruck, die TU Wien und österreichische Firmen über sehr viel Know-how verfügen. Und selbst die Rotation der Erde ist nicht konstant: An der TU Wien arbeiten Geodäten derzeit an der Modellierung aller atmosphärischen und ozeanischen Phänomene, um Abweichungen bei der Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde zu erklären.

Geodäsie ist heute eine wesentliche Grundlagenwissenschaft, ohne die viele Technologien nicht funktionieren würden. Und so gesehen geht es schon in Ordnung, dass diese Fachrichtung ihren eigenen Gedenktag bekommt.

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

AnmeldenAnmelden