Schnupfen

10.03.2012 | 17:53 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Schnupfen ist eine zwar unangenehme, aber eigentlich harmlose Krankheit: Diese althergebrachte Weisheit wird nun in einem großen EU-Projekt hinterfragt.

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Gegen Schnupfen ist kein Kraut gewachsen: Wenn man etwas gegen ihn unternimmt, dann dauert er laut Volksmund sieben Tage – wenn man nichts tut, dann dauert er eine Woche. Faktum ist jedenfalls, dass der Körper gegen Schnupfen – anders als bei anderen Infektionskrankheiten – keine Immunität entwickelt: Der Körper bildet gegen die auslösenden Viren keine (wirksamen) Antikörper und kann die Erreger folglich auch bei einer späteren erneuten Infektion nicht bekämpfen.

Das wird herkömmlicherweise damit erklärt, dass es mehr als 200 Virenstämme gibt, die Schnupfen auslösen können. In fast der Hälfte der Fälle sind es Varianten von Rhinoviren, häufig sind auch Adenoviren, Coronaviren oder Paramyxoviren beteiligt. Bei hunderten verschiedenen Erregern müsste man folglich schon großes „Glück“ haben, zweimal vom selben Virus befallen zu werden.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Eine Gruppe um den Allergieforscher Rudolf Valenta (Medizin-Uni Wien) hat nun im Rahmen des EU-Projekts „Predicta“ herausgefunden, dass der Körper sehr wohl Antikörper gegen Schnupfenviren bildet, dass diese aber den falschen Teil der Krankheitserreger erkennen und daher unwirksam sind. Die Immunabwehr bekämpft nämlich das Innere der Viren und nicht die Hülle – die dafür verantwortlich ist, dass sich das Virus in der Schleimhaut festsetzt. Diese Erkenntnis könnte nun den Weg für einen Antikörpertest und einen wirksamen Impfstoff gegen Schnupfenviren bereiten.

Das ist aber nicht die Hauptstoßrichtung des Predicta-Projekts: Es geht den Forschern nicht um die Bekämpfung des Schnupfens selbst – dieser ist für sich gesehen eine zwar unangenehme, aber harmlose Krankheit. Vielmehr ist die zentrale Hypothese, dass eine wiederholte Infektion das angeborene („innate“) Immunsystem umprogrammieren kann, wodurch der Körper anfällig für chronische Entzündung wird. Dadurch kann aus einem Schnupfenpatienten ein Asthmapatient werden – und das soll verhindert werden. Die Hauptaufgabe des Antikörpertests, der in Wien entwickelt wurde, ist es daher, bei anderen Teilen der Studie, die den Krankheitsmechanismus entschlüsseln sollen, einen Virenbefall nachzuweisen.

An diesem Forschungsprojekt zeigt sich sehr schön die eigentliche Aufgabe von Wissenschaft: überkommene Mythen und scheinbar gesichertes Wissen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu überwinden. Konkret: Schnupfen ist – anders als derzeit wahrgenommen – keineswegs harmlos. Und in Zukunft ist vielleicht doch ein Kraut gegen ihn gewachsen. Eines aus dem Labor.

martin.kugler@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2012)

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