Was macht Muren so unberechenbar?

Forscher untersuchen, wie Naturgefahren entstehen.

Stürzt eine Mure ins Tal, hinterlässt sie eine Spur der Verwüstung. Wie sie sich bildet oder warum sie welches Material mitnimmt, ist aber zu einem guten Teil noch unerforscht. Wie lässt sich herausfinden, was zwischen Gewässerbett und Mure passiert? Welche Mechanismen sind wichtig?

Muren gelten als gefährlicher als Hochwasser oder Hangrutschungen. Sie zerstören Häuser, Straßen oder Brücken völlig. Denn der Strom aus Schlamm und Gestein hat eine enorme Wucht: „Eine Mure bewegt sich mit bis zu 60 km/h ins Tal“, sagt Kirsten von Elverfeldt von der Uni Klagenfurt.

Tatsächlich weiß man aber wenig darüber, welche Mechanismen in der Mure ablaufen. „Man kann ja nicht direkt in der Mure messen“, so von Elverfeldt. Zwar gäbe es etwa in der Schweiz Testrinnen, wo mit Kameras und Sensoren gearbeitet wird. Diese erlaubten aber nur bedingt, die Natur und ihre vielfältigen Einflüsse abzubilden. Mit herkömmlichen Forschungsmethoden würde man derzeit etwa noch nicht genau verstehen, warum und wie viel Sedimentmasse mitgenommen wird. Muren seien also buchstäblich unberechenbar.

Die Geografin, die bisher Naturkatastrophen wie Hangrutschungen untersucht hat, will daher gemeinsam mit Schweizer Kollegen eine Theorie aus Chemie und Physik testen: die Theorie der Selbstorganisation. Dabei geht man davon aus, dass einzelne Elemente wie Gesteinsbrocken oder andere Teile der Gerinnesohle in einem System ein Ereignis steuern. „Naturphänomene verhalten sich mitunter anders als gedacht, vieles ist durch äußere Einflüsse nicht erklärbar“, sagt von Elverfeldt. Dem Spiel der Naturkräfte will man sich dabei auch durch Modellierung am Computer nähern.

Ob und wie sich die Erkenntnisse des geplanten Projekts für die Praxis nutzen lassen, ist offen. Zunächst ginge es darum, die Mechanismen in Muren besser zu verstehen. Das ist also noch Grundlagenforschung.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2015)

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