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Medizinnobelpreis für Paten des Jungbrunnens

08.10.2012 | 17:13 |  Von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Dass man ausgereifte Zellen wieder zu embryonalen machen kann, galt lange als ausgeschlossen. Zwei Forscher, die den Weg doch öffneten, dürfen nun nach Stockholm: John Gurdon und Shinya Yamanaka.

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Ich glaube, Gurdon hat Ideen, Wissenschaftler zu werden. Angesichts seiner gegenwärtigen Leistungen ist das ziemlich lächerlich. Er kann die einfachsten biologischen Fakten nicht lernen, und eine Ausbildung zum Spezialisten wäre reine Zeitverschwendung, für ihn wie seine Lehrer.“ So urteilte ein Schullehrer in Großbritannien kurz nach dem Zweiten Weltkrieg über einen seiner Schüler, und der konnte das Verdikt noch 2008 wörtlich aufsagen: Er hatte es über seinem Schreibtisch hängen, in einem Biologenlabor in Oxford, und er war längst seiner Verdienste um diese Forschung wegen geadelt worden: Der 1933 als John Gurdon Geborene hieß nun Sir John Gurdon.

Seine Kollegen nannten ihn anders: „Godfather of Cloning“. Denn ihm war 1962 etwas gelungen, was man früher allenfalls Göttern zugetraut hatte: ein Jungbrunnen, in den ausgereifte Tiere/Zellen steigen bzw. gebracht werden und den sie als embryonale Tiere/Zellen wieder verlassen.

Erste Erfolge an Fröschen

Das galt unter Entwicklunsbiologen als unmöglich, man ging davon aus, dass im Reifen vom Embryo zum Erwachsenen viele Gene unwiderruflich verloren gehen oder abgeschaltet werden, so hatte es der deutsche Biologe August Weismann Ende des 19. Jahrhunderts festgeschrieben. Daran glaubten auch noch Robert Briggs und Thomas King, denen 1952 in Oxford eine kleinere Sensation gelang: Sie konnten Zellkerne – in ihnen sitzt der Großteil der genetischen Information – von Kaulquappen in Froscheier verpflanzen, deren Kerne sie zuvor entfernt hatten. Diese Mischgebilde entwickelten sich zu ganz normalen Kaulquappen. Aber die Forscher hatten eben auch DNA von Kaulquappen, nicht von ausgewachsenen Fröschen, und sie blieben dabei: Leben entwickelt sich nur in eine Richtung, von der Jugend zum Alter, nie zurück.

Das galt damals schon nicht für alles Leben – aus Teilen von Pflanzen konnte man seit je neue Pflanzen ziehen, seit Beginn des 20. Jahrhunderts nannte man das „Klonen“ –, aber für Tiere schon. Bis Gurdon zu Briggs und King nach Oxford kam und ihre Experimente 1962 wieder aufnahm. Er schaffte die größere Sensation, er ging den entscheidenden Schritt weiter und transplantierte Zelllkerne ausgewachsener Frösche in entkernte Froscheier. Daraus wurden Kaulquappen, daraus wurden Frösche. Der Genetiker John Haldane nannte ein Jahr darauf auch das „Klonen“.

Und für diese Entdeckung – „dass ausgereifte Zellen reprogrammiert werden können“ – erhält Gurdon einen der beiden diesjährigen Nobelpreise für „Physiologie oder Medizin“ (und die Hälfte des aus Wirtschaftskrisengründen um 20 Prozent auf 940.000 Euro reduzierten Preisgelds). Der zweite geht an den Japaner Shinya Yamanaka, der 2007 noch einen Jungbrunnen anschlug, den ultimativen.

Aber bis dahin war es ein weiter Weg: Embryos bestehen in einem frühen Stadium aus embryonalen Stammzellen (ES), diese sind noch undifferenziert – „multipotent“ –, sie können zu jedem anderen Zelltyp werden, Haut oder Hirn etwa. Diese Entwicklung umzukehren – aus differenzierten Zellen ES zu machen und aus denen Embryos und dann ausgewachsene Tiere reifen zu lassen –, gelang lange nur bei Amphibien. Bei Säugetieren nicht. Bis 1981 die nächste Sensation kam: Der deutsche Karl Illmensee meldete geklonte Mäuse. Aber das konnte nie reproduziert werden, Illmensee geriet unter Fälschungsverdacht, tauchte ab – an der Medizinuniversität Innsbruck – und erst viel später wieder auf, als es um das Klonen von Menschen ging, ganzen Menschen.

Es funktionierte, weil das Klonen von Säugetieren inzwischen doch gelungen war: 1997 kam in Schottland das Schaf „Dolly“ zur Welt, es wurde wegen Illmensee mit viel Skepsis begrüßt, aber es war ein echter Klon, inzwischen gibt es viele bei vielen Tieren. Bei Menschen nicht. Zumindest nicht bei ganzen Menschen, die man von Embryos heranreifen lassen würde („reproduktives Klonen“). Zwar gab es um die Jahrtausendwende einen gewaltigen Hype darum, aber dann war der Spuk auch bald wieder vorbei.

Sehr zur Erleichterung der Zunft, die das reproduktive Klonen von Menschen ablehnt (aus Sicherheitsgründen, geklonte Tiere sind oft krank). Ganz anders ist es mit dem „therapeutischen Klonen“, bei dem man aus Embryos embryonale Stammzellen gewinnen will und aus ihnen Transplantate für Patienten. Auch dieser Weg war von einem Fälschungsskandal überschattet – der Koreaner Hwang präsentierte frei erfundene Zellen –, und er ist ethisch umstritten, man muss Embryos erst herstellen und dann zerstören.

Königsweg direkter Verjüngung

Zudem waren die Forscher selbst damit nicht zufrieden: Sie wollen keinen Umweg über Embryos, sie wollen Zellen direkt verjüngen. Diesen Königsweg eröffnete der 1962 geborene Japaner Yamanaka 2007 an der Universität von Kyoto, indem er einige Gene in ausdifferenzierte Zellen transferierte. Diese verjüngten sich – zu induzierten pluripotenten Zellen (iPS) –, aus denen konnte man differenzierte Zellen ziehen, etwa Hirnzellen.

Obwohl beide Wege – ES und iPS – erst am Anfang stehen und sie noch viele Hindernisse bergen, wurde die Preisvergabe einhellig begrüßt. Der österreichische Emigrant und Nobelpreisträger Eric Kandel etwa, der gerade Gast einer Antisemitismus-Konferenz in Wien ist (siehe S. 23), sprach von einem „ausgezeichneten Nobelpreis“.

Weitere Nobelpreise
Die Woche der Bekanntgabe der Nobelpreise 2012 hat am Montag mit dem Nobelpreis für Medizin bzw. Physiologie begonnen. Am Dienstag folgt Physik, am Mittwoch Chemie, am Donnerstag Literatur, am Freitag der Friedensnobelpreis, am nächsten Montag der Preis für Wirtschaftswissenschaften. Der Friedensnobelpreis wird in Oslo verliehen, alle anderen gibt es am 10. 12. in Stockholm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)

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2 Kommentare

schon wieder ein Mann

wo bleibt die Quote? Flashmob jetzt!

Antworten Gast: uburoi
08.10.2012 17:39
2 0

Re: schon wieder ein Mann

wie wärs mit miss piggy?

die hat nicht nur den kermit aufgerichtet.