Im Oktober war das noch anders. Die Wochen vor der Präsidentschaftswahl verliefen nervös und so aufregend, dass der reich gedeckte Tisch der Kunst in Museen und Galerien für eine Weile Nebensache wurde. Gespräche und Diskussionen drehten sich um Politik. In der Stadt, in der Eile und Bewegung als selbstverständlich begriffen werden, fanden sich Menschen, die in Geschäften und im Taxi, in Bussen und auf der Straße das Gespräch miteinander suchten. Im Museum of Modern Art kam es mit gewiss 30 Personen des Aufsichtspersonals zu Diskussionen. Der Chef der Sicherheit war auf eine Weise ergriffen, dass er mit Tränen in den Augen erklärte, mindestens bis zum 20. Januar Kerzen anzuzünden und zu beten. Der Erfolg gab ihm Recht. Der Wahlsieg Obamas war keineswegs nur der schwarzen Bevölkerung, den Latinos und den asiatischen Einwanderungen zu verdanken. Auch wohlhabende Weiße entschieden sich für den schwarzen Mann ins Weiße Haus. Nach den Morden an John F. Kennedy und seinem Bruder Robert und nach dem „Nine Eleven" 2001 begreifen sich die Vereinigten Staaten mehr denn je als Nation. In Europa wird einzig Frankreich als La Grande Nation artikuliert, nicht Italien, die Bundesrepublik schon gar nicht. Die Frage bleibt, ob der junge Präsident die täglich anschwellende Zahl der Erwartungen bewältigen und entscheidend beeinflussen kann.
Die Kunst erfüllt weiterhin die Ansprüche, die man an Museen und Galerien stellen darf: Im „MoMA" erwartet die Besucher eine fulminante Ausstellung von Ernst Ludwig Kirchner, des 1880 in Aschaffenburg geborenen Künstlers, der 1938 in Frauenkirch bei Davos freiwillig aus dem Leben schied. Die Szenen aus der Metropole Berlin in den Jahren 1913 bis 1915: eine mondäne Welt, die Parade eleganter Frauen der Halbwelt, grell geschminkt, die Leinwände brillant in Farben und Bildgestaltung, voller Leidenschaft und bei aller scheinbar improvisierter Lässigkeit glänzend komponiert. Zeichnungen und Skizzen gewähren Einblick in die Fantasien und Werkstatt des Künstlers. Sie zeigen außerdem Verwandtschaft zu Picasso und anderen Zeitgenossen jenseits der Grenzen des damaligen Kaiserreichs.
Bleiben wir bei einem weiteren deutschen Künstler: Alfred Kubin ist eine Ausstellung in der „Neuen Galerie - Museum for German and Austrian Art", das Haus eine monumentale Stiftung von Ronald Lauder an der so genannten Museumsmeile der 5th Avenue, gewidmet. Symbolist und wie Max Klinger und Redon einer der großen Väter des Surrealismus. Zu Unrecht fast vergessen. Im April 1878 in Böhmen geboren, hat Kubin früh Zeichnung und Grafik für sich als Medien entdeckt, die seine Visionen am besten visualisierten; Angstträume, als seien sie von der Couch des Dr. Freud in die Welt des Künstlers geflogen. Die in der Mehrzahl auf schwarz-weiß gezeichneten Blätter dokumentieren seine düsteren Visionen. Technisch ungewöhnlich gestaltet, entfaltet das Ensemble einen Sog, dem der Betrachter rasch und unweigerlich erliegt. Die Motive sowie die Perspektive blicken in Abgründe. Chimären und Monster beherrschen die Szene. Bei Kubin kommt der Tod nicht als Freund, ist jedoch stets gegenwärtig.
Zur Erfrischung geht man am besten unverzüglich zu einem Besuch bei Joan Miró. Im „MODERN" sind Bilder aus den Jahren 1927 bis 1937 versammelt. Obwohl der Zeitraum beschränkt ist, kann man den 1893 geborenen Katalanen hier mit allen Facetten seines Oeuvres wieder finden. Die Gemälde zeigen eine heitere Welt voller Imagerien, die mit allen Möglichkeiten der Gestaltung spielt: Collagen mit unterschiedlichen Materialien, typographischen Spielereien und eigenwilligen plastischen Einschüben. Verbunden mit einer ungewöhnlich starken Farbigkeit bleibt seine Handschrift unverwechselbar. Sie sind gleichsam Briefe, die man mit Vergnügen liest, Botschaften aus dem Reich der Malerei, wo Joan Miró geografisch und psychisch das Mare Nostrum besetzt.
Im Metropolitan Museum of Art ist eine Würdigung des langjährigen Direktors Philippe de Montebello installiert. Der hoch gewachsene, blendend aussehende Europäer und Homme á femme beherrschte 30 Jahre die Kunstszene, nicht nur „seines" Museums. Sammlung und Kurator seiner Ägide werden gefeiert. Man sieht die Ankäufe und Schenkungen, Dokumente seiner überbordenden Fantasie und Überzeugungskraft. Der Name Montebello klingt kostbar. Ankäufe, die ihm virtuell zugedachten Schenkungen rechtfertigen den Eindruck. Man hat Gelegenheit, Weltkunst aus verschiedenen Epochen und unterschiedlicher Art zu bewundern: Gemälde alter Meister und die Prominenz des 20. Jahrhunderts. Dazu Textilien, Ikonen, Zeichnungen, Rüstungen, alles Meisterwerke und die Riesenvase des so genannten „Euphorius Crate". Reine Raubkunst. Das umstrittene Objekt ist seit einem Jahr in ein italienisches Museum heimgekehrt. Was die Anhäufung verbindet ist der Anspruch, eindeutig Qualität zu versammeln, und dies in möglichst vielen Sparten. Der Spaziergang durch die Ausstellung wird zum überraschenden Vergnügen vor allem für europäische Besucher, die auf diese Weise Montebellos Wirken und seinen umwerfenden Qualitätsanspruch dokumentiert. Außerdem wurde jede Sonderausstellung zu einem so genannten „Blockbuster". Jedes dieser unzähligen visuellen Großtaten wurde von der sonoren Stimme des Chefs auf den „Headphones" begleitet. Überall Überraschungen, verblüffende Entdeckungen, Augenlust. Dazu die Aufregung, Entdeckungen zu vertiefen, Verwandtes wieder zu sehen. Man verlässt das Museum erfrischt und mit Appetit auf ein Hauptmahl nach hors d'oeuvres.
Diesen Hunger stillt das Museum of Modern Art mit Vincent van Gogh. Den 1853 in Zundert bei Breda geborenen Künstler muss man dem Publikum nicht enzyklopädisch erklären. Sein Leben ist umfangreich dokumentiert, Filme haben seine Persönlichkeit auch kaum Kunstinteressierten nahe gebracht. In allen Kaufhäusern der Welt sind Poster seiner Bilder erhältlich. Die „Brücke von Arles" ist auf Plakaten, Tabletts und auf Papierservietten abgebildet, ebenso Boote und andere Motive unterschiedlicher Art. Und wenn wir vom Appetit auf Bilder sprechen, bestand der Verdacht, dass man sich an dem Maler, der mit 37 Jahren Selbstmord beging, satt gesehen hatte.
Aber diese Ausstellung lässt Vertrautes neu sehen. Die fiebrige Malweise, die heftigen Farben, zum Teil mit Spachtel reliefartig aufgetragen, machen wieder neugierig auf einen Maler, den man irrtümlich zu kennen glaubt.
Im „MoMA" darf man getrost Faust II zitieren: „Das Unzulängliche, hier wirds Ereignis". In diesem Fall: „Van Gogh and the Colors of the Night". Die ubiquitäre Ausstellung präsentiert keineswegs nur Nocturnes, aber die Kuratoren haben sich auf Grund von Zitaten des Malers und seiner Liebe für die „Poesie der Nacht" in ihrer Auswahl konzentriert. Die Nacht wurde für den Maler zur sprudelnden Quelle der Inspiration, im Sommer 1888 wurde sie zur Obsession. Angeregt von dem Bild von Millet „Die Sternennacht", 1851, malte er 1889 seine „Sternennacht", Himmelskörper in konvulsivischen Kreisen über einem kleinen Dorf, das Firmament in Aufruhr, bedrohlich und aggressiv und mit dem Mond als Außenseiter. Auch andere Bilder spielen mit Nachtschwärze und Licht: Das in Sepia gezeichnete Blatt eines Straßencafés wird von Laternen beleuchtet. Der Garten des St. Paul Hospital düster, der Weg schwach erhellt von der untergehenden Sonne - vielleicht ist es auch das bleiche Gestirn.
Selbst das Porträt des „Eugène Boch" 1888 sowie „Die lesende Frau" aus dem gleichen Jahr betonen in Hintergrund und Gesichtszügen die Vorliebe für die Geheimnisse der Nacht.
Der Mond hat Maler, insbesondere Adam Elsheimer und Rubens, fasziniert. In Rubens seltenen kleinen Formaten sieht man das besonders, abgesehen von seinen nass in nass gemalten Ölskizzen für die florierende Werkstatt in Antwerpen. Ob man
„Gauguins Stuhl" den Nachtbildern zuordnen kann mit zwei Lichtquellen, einer Kerze auf dem imposanten Stuhl mit Lehne, ist weniger überzeugend und mehr dem Titel der Ausstellung verpflichtet. Der zweite, weitaus berühmtere Stuhl, von Interpretationen überbeladen, ist unverständlicherweise, von einigen Kunsthistorikern, die offenbar den Verstand verloren haben, dem Urinoir Duchamps zugeordnet. Der zweite Stuhl auf einem leicht geblümten Teppich grandiose Malerei, und sollte bitte nicht als Ready Made in der Kunstgeschichte verstauben. Dass das linke Stuhlbein angeschnitten ist, hat allerdings ein unbekannter, offenbar unsensibler Layouter zu verantworten.
Zurück zu Maß und Ordnung. Das Metropolitan Museum präsentiert eher unbeachtet in den „New Greek and Roman Galleries" in vielen Jahren neu geordnet und kuratiert von Carlos Picòn, exklusive Beispiele des Museumbestandes. Am 20. April 2007 eröffnet, genießt das Museum und die frische Präsentation mit Recht einen internationalen Ruf und konnten am 22. Februar 2008 den ersten Millionen Besucher begrüßen. In diesem Tempel der Kunst versammelt sich selbstverständlich griechische Skulpturen, hellenische Marmorarbeiten, Schmuck, römische Sarkophage, römischen Marmor und gemalte Begräbnisbeilagen aus Alexandria, überraschende Einblicke in eine Welt, die den Besucher vielleicht aus Angst und Unwissenheit entschieden auf Distanz hält. „Splendid isolation" sozusagen. Jedes Objekt fordert Konzentration und strahlt eigentümliche Ruhe aus, die noch eine Weile anhält, bevor der Verkehr in den Straßen zu einer anderen Aufmerksamkeit zwingt: Augen auf, um nicht überfahren zu werden.
Kurze Zuflucht findet man in der Galerie David Zwirner auf der Upper East Side. Sie präsentiert die 1940 in San Francisco geborene Malerin Mary Heilmann. Die Galerie Gladstone ,put her on the list‘, wie es treffend in Kunstkreisen heißt. In den 80er Jahren kostete eine Arbeit auf Leinwand 10.000 DM. Die Schau bei Zwirner bietet Bilder der Künstlerin zwischen 200.000 und 450.000 Dollar an. Die Finanzkrise scheint hier noch nicht angekommen zu sein. Wie viele Nachgeborene orientiert Mary Heilmann sich an Picasso, allerdings nur in den Farben der Gemälde aus der Zeit mit Marie Therèse der frühen dreißiger Jahre. Die Formen auf den neuen Leinwänden: weich, zerfließend wie Lebensmittelfarben von Bonbonherstellern, keine erkennbaren Strukturen. Wie so oft hält die künstlerische Entwicklung mit kommerzieller Anerkennung nicht unbedingt Schritt. Schade, aber das ist ein anderes Thema.
Michael Werner hält an seinem Credo, Kunst etablierter Maler zu zeigen, fest. Die Galerie auf der 77. Straße zeigt Penck-Zeichnungen. Man trifft wie meistens keine anderen Besucher. Trotzdem sind viele Arbeiten mit einem roten Punkt versehen. Die Räume atmen noch immer den Mythos des unvergesslichen Leo Castelli. Die Adresse war seine erste Galerie, ehe er in den 70er Jahren in Soho, 420 West Broadway, riesige Räume bezog. Im oberen Stock florierte die Galerie seiner ersten Frau Ileana Sonnabend. Sie war neugieriger und zeigte Künstler in ihren Anfängen: zum Beispiel Jeff Koons und den Neo Geo Künstler Ashley Bickerton.
Gagosian prunkt Uptown mit Zeichnungen und Downtown mit schweren Stahlobjekten von Richard Serra. Man grübelt über diese Materialschlachten des Künstlers, seine riesigen rostigen Objekte. Die Zeichnungen geben höchst einprägsam die Aussage der Kolossalskulpturen vor. Vielleicht würde dies genügen.
Kunst macht durstig. Da bietet sich die „King Cole Bar" im St. Regis Hotel, 54. Straße, an. Das Tableau über der wohltuend überzeugenden Bar in poliertem Mahagoni ist Plakatmalerei. Die Bar erfüllt, was sie verspricht. Kleine Mahlzeiten. An den Tischen werden dem Fremden unentwegt Handygespräche anderer Gäste zugemutet. Man sehnt sich die Zeiten zurück, als sich Kommunikation in Telefonzellen, in Bettgeflüster, oder besser noch in Briefen und Postkarten vollzog.
Zurück ins Museum? Heute nicht. Lieber mit Oropax ausgerüstet Kataloge studieren.
Von der Plakatmalerei der King Cole Bar eine Zeitreise nach China. Die Ausstellung „Art und Chinas Revolution" in der Asia Society verfolgt einem einzigen Aufruf: Mao und seine schreckliche Kulturrevolution anzupreisen, folgenreich und geradezu entsetzlich für die Tradition des Reiches der Mitte des großen Philosophen Konfuzius. ■















