(11. August 1862) Feuilleton. Wer Samstags zwischen 6 und 7 Uhr Abends die Mariahilfer Hauptstraße hinauf gegen Schönbrunn fuhr, erstaunte wol nicht wenig, schon in der Nähe des Sommertheaters eine große Menschenmenge versammelt zu sehen, welche, die Hälse streckend, in langen compacten Reihen sich bis nach Hietzing fortsetzte. Grund und Ziel dieser Schaulust war der Zug mehrerer Sängervereine, welche von Fünfhaus nach der „Neuen Welt“ in Hietzing pilgerten, allwo der Gesangsverein „Biedersinn“ ein seit vielen Wochen proclamirtes „Sängerfest“ veranstaltet hatte.
Ueber eine Residenzbevölkerung, die solch einem doch nicht übermäßig imposanten Fest eine so unblasirte Theilnahme entgegenbringt, darf man seine Freude haben. Hier schlummert in der Tat noch viel ungeackerter Boden. Einen politisch-patriotischen Anlass hatte das Fest nicht; die Begeisterung für Franz Schubert – dessen Monument der Fest-Ertrag zustatten kommen soll – können wir doch auch noch nicht für im Volke so mächtig wirkend halten, – was war es also, wenn nicht der schöne, altösterreichische Herzenszug zu Gesang und zu den Sängern, das den friedlichen Aufruhr hervorbrachte!
Alle Fenster waren dicht besetzt, ja man hatte sogar Gelegenheit, zahlreiche Versuche gutgemeinter Fest-Decorirungen an den Häusern zu bewundern. Auch an freundlichen Teppichen fehlte es nicht, noch an Reseden- und Epheustöcken, zwischen welchen weiße und broncirte Gypsstatuetten von Schiller, Goethe, Radetzky u. dgl. herabschauten. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)















