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Anatomie einer Nacht

31.08.2012 | 18:34 |  Von Anna Kim (Die Presse)

„Amarâq liegt am Ende der Welt, es ist ein Ortschlucker: ein Ort, der einen ebenso verschluckt wie den Ort, an dem man sich befindet.“ Beginn des neuen Romans.

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PROLOG. Die Epidemie fand ihren Höhepunkt im Spätsommer, an der Schwelle zum Herbst. Die elf Selbstmorde geschahen innerhalb von fünf Stunden, in der Nacht von Freitag auf Samstag, ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung, ohne Abmachung. Das Sterben breitete sich seuchenartig aus, die Opfer schienen sich nur durch eine Berührung oder durch einen Blick infiziert zu haben –

im Nachhinein sprach man von einerKrankheit.

Gerade ist Sivke Carlsen einemFremden begegnet, der seine Schuhe in die Luft wirft, siebleiben in der Dunkelheit kleben, als befände sich dort eine Loipe, ein unsichtbarer Pfad. Der Fremde, dessen Gesicht sie nicht erkennen kann, ist in eine Uniform gehüllt, er scheint groß zu sein, wenn auch sehr schmal, die Kleidung liegt nirgends an, sondern steht vom Körper ab, wie ein Brett. Er verirrt sich öfter auf die Erde, weil dem Himmel in Wahrheit keine Grenzen gesetzt sind, im Flug ist die Eindeutigkeit der Ebene aufgehoben und machteiner Mehrdeutigkeit Platz, die die Verbindung zwischen den Augen und dem Gehirn kurzschließt, plötzlich ist es möglich, Schlitten in die Höhe zu werfen, so dass sie am Firmament kleben bleiben und man eine Fahrt über den Himmel antreten kann, die sich anfühlt wie eine Fahrt im Schnee: Etwas leiser ist es hier, es dominieren vereinzelte Vogelstimmen, das Rauschen des Windes ersetzt das Rauschen des Meeres, und die Kufen gleiten wie auf frischem Schnee, genauso geräuschlos.

Ich heiße Jens, sagt der Polizist und schlüpft in seine Stiefel, ich bin für ein halbes Jahr hier, hört sie und schiebt ihre Konkurrenz beiseite. Fragt ihn, ob er mit ihr tanzen wolle, wartet seine Antwort nicht ab, sondern gräbt sich Kopf voran in seine Arme, während sie sich erzählen lässt, dass er seit einem Monat in Amarâq sei, er komme von einem Einsatz im Sudan und sei mit seinen Kollegen die Westküste Grönlands entlanggesegelt, über die Südspitze in den Osten, und sie rückt mit ihren Lippen etwas näher an seine heran, bis sie bloß einen Fingerbreit von ihm getrennt ist, so spricht sie weiter, vielleicht sagt sie, er gefalle ihr, vielleicht antwortet er, sie sei sehr hübsch, aber im Grunde geht es nicht um das, was gesagt wird, sondern darum, die sanft geflüsterten Nebentöne herauszufiltern, so dass nur eine Botschaft übrig bleibt: Nimm mich mit.

Sogar im Schlaf tanzten, zuckten sie, während manche über sie hinwegstiegen, -hüpften oder -stolperten oder an der Grauen Barlehnten, deren Sortiment ausschließlich aus Tuborg und Coca-Cola bestand, die Rundung an Rundung im Regal wachten, unförmig, kleine Bomben aus Aluminium. Andere tranken an den runden Tischen, die in hoher undtiefer Ausführung in einem Halbkreis um dieTanzfläche angeordnet waren, auf das Ende des Tages, auf das Ende der Woche, bis zum Ende des Geldes. In dieser Säulenhalle werden Affären begonnen und beendet, in diesem Säulenzimmer, das sich Pakhuset nennt,Lagerhaus. Man findet es in der dunkelsten Ecke des Hafens, am Hafenmund, dort, wo die Glühbirnen in den Straßenlaternen nichtausgewechselt werden, wenn sie ausfallen.

Doch das Pakhuset ist mehr als eine Diskothek, ein Nachtclub, eine Bar, es ist ein Angriff auf die Stille Amarâqs, ein Angriff auf die Isolation und als solcher ein Ort der Gegenwart: Alles, was hier passiert, passiert jetzt. Indem er die Einsamkeit aussperrt und das Leben einsperrt, hat er sich in den Köpfen der Bewohner festgesetzt als die einzigeMöglichkeit, der Vergangenheit und der Zukunft zu entkommen, in diesen fünf Stunden, zwischen zehn Uhr nachts und drei Uhr morgens.

Julie Hansen ließ sichvon Jens auf die Tanzfläche ziehen, obwohl sich ihr Körper der Musikverschloss, nicht einmal die Ränder des Liedes traf, er musste sie steuern, Kurven lenken, Linien und Kreise, damit sie halbwegs den Rhythmus erkannte, sie bemerkte nicht, dass es ihm einzig darum ging, den Abstand zu verringern, näher zu rücken, mit jedem Schritt, bis er so dicht vor ihr stand, dass seine Augen jede Aussicht versperrten. Sie blieb stehen, wurde angerempelt, takteweise mitgezerrt, man stieg auf ihre Zehen, Schuhe, trotzdem stand sie still, atmete so flach wie möglich, vielleicht glaubte sie, den Blick nur halten zu können, wenn sie sich nicht bewegte. In diesem Moment war ihre ganze Existenz auf einen Blickkontakt geschrumpft und sie nicht mehr als die Summe ihrer Augen. Sie versuchte diesen Augenblick fest zu stehen, fest zu atmen, und es gelang ihr, die Geschwindigkeit der Zeit zu drosseln –

bis er sich ihrem Mund näherte und sie mit seinen Lippen festhielt.

In seinem Dienstauto verlassen sie den Hafen auf der schmalen gewundenen Straße,in einer Schleuse, in der es auch tagsüber, im Sonnenlicht, dämmrig ist. Sie fahren durch eine vermummte Stadt, die selbst im Sommer eine Stadt des Winters ist: Sogar wenn die letzten Anzeichen von Eis verschwunden sind und man glauben könnte, es habe ihn nie gegeben, beschwören die blinden Flecken vor den Häusern, kleinste Landstriche, die für Schlitten, Schlittenhunde und Schneemobile freigehalten werden, im Grunde Schablonen, das Bild frischgefallenen Schnees, nur derjenige im Sommer ist braun, teilweisebegrünt und schlammig bei Regen.

Sie folgen dem Straßenverlauf in Richtung Heliport, bergauf, immer bergauf, bis sie nach drei Kurven stehen bleiben, schräg gegenüber vom Kleinen Kaufmann, einem Greißler, in dem auf drei gerade noch roten Regalböden vier Kekssorten, zwei Nudelsorten, altes abgepacktes Brot, abgelaufener Sugoim Glas, chinesische Instant-Nudelsuppen, Mehl, Zwieback, Haltbarmilch und Anhänger für heimatlose Schlüssel erhältlich sind. Diese Gegend ist nachts dunkler als der dunkelste Platz Amarâqs, da es bloß eine Straßenlaterne gibt, die sie beleuchtet, und trotz der Überfülle an Wasser, trotz des Regens, der die benachbarten Seen speist und den Fluss, haben die Häuser in diesem Stadtteil kein fließendes Wasser, keine Kanalisation, sie sind kleiner, hüttenhafter und werden von den Ärmeren und Ärmsten bewohnt. Einmal in der Woche fährt der Jauchewagen durch dieses Viertel, um die gefüllten Kotsäcke aus den Plumpsklos abzuholen, das Wasser muss auseinem der grün gestrichenen Miniaturblockhäuser gezapft werden, der Hahn ist für dieKinder meistens außer Reichweite, sie müssen auf einen Stein steigen, um ihre Eimer zu füllen; Wasserholen ist die Aufgabe der zehnjährigen Buben.

Das Viertel der einstöckigen Häuser, die mit fließendem Wasser und Elektrizität ausgestattet sind, ist in der Nähe des Hafens –

aber Armut in Amarâq ist relativ, solange der Einzelne keine Freiheit fordert und in der Gemeinschaft glücklich ist, dann wird alles geteilt, und alle besitzen ausschließlich das eine, nämlich sich selbst. Und dieser Besitz, der akkurat durch die Grenzen der Haut abgesteckt ist, wird lediglich im Schlaf in Frage gestellt, wenn die Seele des Schlafes den Körper verlässt und einen Zustand verursacht, der jenem der Einsamkeit ähnelt: Betäubung.

Wir sind da, sagt Jens und steigt aus, das ist Johannas Haus, antwortet Sivke und bleibtstehen, um ihr Kleid glattzustreichen.

Er zog sie mit sich durch den Notausgang auf die andere Seite des Pakhuset, wo auf der schmalen Straßenausbuchtung im schwachen Schein des Notlichts geraucht wurde: Die Nacht war an dieser Stelle mit rötlich glimmenden Tupfen übersät, die sich zu Schritten bewegten, zum Atem. Er stellte Julie in die lichtfreie Ecke, schlüpfte neben sie und drückte sie gegen die Mauer, während er ihren Hals, die Halsbeuge, ihren Nacken und ihr Gesicht küsste, sanft den Träger von ihrer Schulter zog und die andere Hand unter dem Stoff über den Bauchnabel und die Rippen in Richtung Büstenhalter robben, vorsichtig daseine, dann das andere Körbchen herunterklappen und die Brüste streicheln ließ, und Julie erwiderte seinen Kuss, seine Berührungen, steckte ihre Hand in seine Hose, strich über seinen Bauch, die Oberschenkel –

als sie unterbrochen wurden, angesprochen und angeschubst. Hej, lallte es aus der Dunkelheit, habt ihr Bier für mich? Per ließ sich nicht ignorieren, Jens holte seine Hände ein, packte Per am Kragen, zerrte ihn ins Innere und stieß ihn auf die Tanzfläche.

Fahren wir zu dir?

Julie drückte Jens' Hand, er nickte, und sie kletterten über den einzigen Zaun in Amarâq, er war wackelig und sollte doch Zechpreller abhalten, und schlenderten zum parkenden Auto. Im Wagen duftete es nach künstlichen Tannen, ein Duft, der Julie exotisch erschienen war, als sie ihn das erste Mal gerochen hatte, vor genau einer Woche. Sie nahmen die Straße zum Hafen, zur einzigen Tankstelle der Stadt, fuhren am Fjord entlang, vorbei am Krankenhaus, an der Schule, am großen Pilersuisoq, dem Allesmarkt, und an der Polizeistation, Julie kurbelte das Fenster hinunter und steckte ihren Kopf in den Fahrtwind, sie lachte nicht, aber sie lächelte, breit, auch die geschlossenen Augen lächelten mit und die Augenbrauen, und Jens, der sie von der Seite her musterte, fühlte sich an seinen Hund erinnert: Könnte sie ihre Ohren aus dem Fenster hängen, im Wind flattern lassen, sie würde es tun.

Wir sind da, sagte er und ging voraus, wie gefällt es dir in unserem alten Haus?, fragte Julie und blieb stehen, um ihr Kleid glattzustreichen. Amarâq liegt am Ende der Welt, es ist ein Ortschlucker: ein Ort, der einen ebenso verschluckt wie den Ort, an dem man sich befindet; der vorgibt, weniger ein Ort zu sein als vielmehr ein Eingang zu einem Ort, den man nicht wieder verlassen kann, sobald man ihn betreten hat, denn der Eingang ist kein Ausgang. Einerseits liegt das daran, dass mit dem Betreten Amarâqs die Erinnerung auszutrocknen beginnt und man allmählich vergisst, wie man an diesen Ort gelangte und dass man einmal ankam, ja, man beginnt zu vergessen, wie es war, als man ankam, und man glaubt sich an keinen anderen Ort mehr zu erinnern als an Amarâq, denn die Grenzen, die diese Stadt einschließen, legen sich um den Hals wie ein schwerer Schal, der das Wenden des Kopfes unmöglich macht, den Blick zurück. So setzt ein Vergessen ein, das maßgeblich das Ende der Welt zu dem macht, was es ist: zum Ende.

Andererseits ist am Ende der Welt das Ende all dessen, was zur Welt gehört. Amarâqist nicht nur ein Ort mit eigenen, unverwechselbaren Koordinaten, Amarâq besitzt auch eine Aufgabe, nämlich die, zu beenden. ■

ANNA KIM: Zur Person

Geboren 1977 in Südkorea, 1979 zog die Familie nach Deutschland und dann nach Wien, wo die Autorin seit 1984 lebt.

Bücher: u.a. der Roman „Die gefrorene Zeit“ und der Essay „Die Invasion des Privaten“ (beide bei Droschl).

Ihr Text stammt aus dem Roman „Anatomie einer Nacht“, der Mitte September im Suhrkamp Verlag erscheint.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)

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