Wer hat Angst vor der Kunst?

11.01.2013 | 18:24 |  Von Franziska Leeb (Die Presse)

Interventionen gegen die visuelle Verschmutzung der Stadt: Unter der Erde präsentiert sich Wiens öffentlicher Raum urbaner als darüber. Eine Reise durch den Untergrund.

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Blumentöpfe von rustikal bisgrellpink, Leuchtplakate, Schanigartenumrandungen, die Hüttendörfer der Saison und dieEventkultur besetzen die Zwischenräume der Stadt längst in einem Ausmaß, das körperlichen Schmerz bereitet. Sie behindern den fußläufigen Verkehrsfluss und machen aus Flaneuren Hindernisläufer. Die visuelle Verschmutzung macht selbst vor den schönsten Ecken der Stadt nicht halt und verschluckt sie wie eine Riesenkrake, die alles frisst, wovon sie nicht gefressen wird.

Sie hätte noch nie zuvor gesehen, wie der Rathausplatz wirklich aussieht, meinte eine Elfjährige irgendwann im Herbst, als uns ein glücklicher Zufall just an dem Tag (zu der Stunde?) zum Rathaus führte, als davor nicht nur nichts stattfand, sondern nicht einmal der Aufbau für die nächste Veranstaltung im Gang war. Wie wäre es, den leeren Platz ins Veranstaltungsprogramm aufzunehmen, damit die Kinder dieser Stadt ihn einmal im Leben gezielt frei von den Verlockungen des Konsums erleben können?

Wie erfreulich gestaltet sich hingegen neuerdings eine Reise durch den Untergrund! Ja, gewiss: Das sogenannte „Station Branding“, mit dem der Plakatier-Platzhirsch Gewista in stark frequentierten Stationen „unterirdische Werbewelten inszeniert“, quält, auch wenn es viele Zeitgenossen für einen Ausdruck von Urbanität halten. Wenigstens sind die Projekte zeitlich begrenzt. Berechtigte Hoffnung auf dauerhafte Werbefreiheit besteht jedoch dort, wo künstlerische Interventionen die unterirdischen Räume besetzen und wo Wien sich weltstädtischer präsentiert, als man es gewohnt ist.

Seit einigen Jahren kooperieren sowohl die Wiener Linien als auch die für Brückenbau und Grundbau zuständige Magistratsabteilung 29 mit der städtischen Förderungsorganisation KÖR (Kunst im öffentlichen Raum GmbH). Seit 2004 ist dort die Kunst für den öffentlichen Raum der Hauptstadt institutionalisiert und damit auch der Wildwuchs an Gefälligkeitsaufträgen für Kunstprojekte in der Stadt etwas eingedämmt. 130 Projekte wurden in diesen Jahren umgesetzt. Zurzeit liegt im Zuge der U-Bahnausbauten und Sanierungen sowie der Errichtung des Hauptbahnhofs ein Schwerpunkt bei der Gestaltung von Passagen.

Wie Ricky Renier, KÖR-Projektkoordinatorin, erzählt, erwiesen sich die Wiener Linien als sehr guter Auftraggeber, der noch nicht vom Virus der Angst vor der Kunst befallen sei. Den Beginn einer neuen Ära der U-Bahnkunst markiert die Karlsplatz-Westpassage, wo die Arbeit „Pi“ des in Kanada lebenden Künstlers Ken Lum die Passanten mit kontinuierlich aktualisierten globalen und lokalen Fakten auf raumhohen Spiegelpaneelen durch den Untergrund begleitet. Ebenfalls am Karlsplatz, im Zwischengeschoß, das zu den U-Bahnlinien U1 und U2 führt, ist seit etwa einem Jahr die alle Wände umfassende Arbeit von Peter Kogler eine erfreuliche Intervention. Das flächendeckend aufgebrachte – aus dem Œuvre des Künstlers vertraute – verzweigte Röhrenmotiv definiert den architektonischen Raum, erweitert ihn und schafft ein völlig neues Erlebnis in einem zuvor wenig attraktiven Transitraum.

Der Südtiroler Platz, zwei Stationen weiter, war bislang auch kein Ort, an dem man gern verweilte. Auf vier auf unterschiedlichen Niveaus befindlichen Flächen in der Passage zum neuen Hauptbahnhof und zum Bahnsteig der Unterflurstraßenbahn hat Franz Graf eine bunte Mischung aus Fotografien, Zeichnungen und Textfragmenten zur Installation „SUED“ collagiert. Ihr Titel erinnert an den nicht nur baulich, sondern auch namentlich nicht mehr existenten alten Südbahnhof und macht irgendwie auch bewusst, dass die U-Bahnstation durchaus die direkte schnelle Anbindung an den Bahnhof ist, selbst wenn die Stationsbezeichnung „Südtiroler Platz“ Ortsunkundige nach wie vor irritiert. Das Verwirrspiel hat in Wien ja auch an anderen relevanten Verkehrsknoten System. Dass die U-Bahnstation Landstraße direkt zum Bahnhof Wien Mitte führt und die Station Philadelphiabrücke den Bahnhof Meidling mit Reisenden speist, haben gelernte Wiener Öffi-Benützer verinnerlicht, Touristen und Gelegenheitsreisende werden aber regelmäßig in schwere Verunsicherungen gestürzt.

Für die Realisierung von Franz Grafs Kunstwerk haben die Österreichischen Bundesbahnen und die Wiener Linien immerhin einträchtig mit KÖR kooperiert. SUED reflektiert die Stimmung des Raums, in dem die Passagiere sich ihre Wege zu den lokalen, regionalen und bald auch internationalen Verkehrsverbindungen bahnen. Die bunte Mischung einzelner Motive, eine Art Auszug aus Grafs Gesamtwerk, entspricht dem Charakter des Ortes mit seinem heterogenen Nutzerspektrum. Sie wird auch im Vorbeigehen wahrgenommen, und doch gibt es genug Plätze, an denen es sich verweilen lässt, um genauer hinzuschauen und einen Versuch der Dechiffrierung zu unternehmen.

Mit der Straßenbahnlinie 18, die am Margaretengürtel in den Untergrund abtaucht und diesen am Wiedner Gürtel wieder verlässt, setzen wir von hier die Reise zu einem der jüngsten Passagenkunstwerke fort. Vorbei an den Großbaustellen um den Hauptbahnhof geht es zur Station Heinrich-Drimmel-Platz, wo eine neue Passage der Unwirtlichkeit des städtischen Umfelds entgegenwirkt. Sie wurde von der MA 29 an der Kreuzung des Gürtels zwischen Ghegastraße und Adolf-Blamauer-Gasse als fußgängerfreundliche Querverbindung von der Straßenbahn zum Stadtentwicklungsgebiet Eurogate auf den Aspanggründen errichtet. Hier bot sich der glückliche Fall, dass das Kunstprojekt parallel zum Bauprojekt entstehen konnte, also bereits vor Baubeginn des Fußgängertunnels das Ergebnis des Kunstwettbewerbs feststand.

Gerold Tagwerker entwickelte in einer schlichten, nichtfarbigen Materialisierung eine Arbeit, die der Aura des schlichten Tiefbauwerks einerseits durchaus entspricht, sie andererseits aber subtil in einen städtischen Erlebnisraum überführt. Felder aus grauen keramischen Platten und ein Raster aus vertikalen und horizontalen Streifen aus Spiegelfliesen bilden ein dezentes Ornament, dasden Durchgangsraum in Länge und Höhe rhythmisiert. Farbreflexe steuern die Spiegelungen der Passanten bei, die zu Hauptdarstellern eines Kopfkinos werden, das sich wie in abgehackten Filmsequenzen in den regelmäßig wiederkehrenden Spiegelstreifen abspielt.

Das Tageslicht an den Tunnelausgängen und das Kunstlichtband, das am Wandabschluss die Installation begleitet, sorgen für ein vielfältig changierendes Lichtspiel. Meist ist der Durchgang wenig frequentiert, die zurückhaltende Gestaltung ist hier also im Gegensatz zu den vorhin erwähnten Verkehrsknotenpunkten durchaus angemessen. Dennoch bietet sie den Durchschreitenden auf raffinierte Weise ein Schauspiel dar, das sie durchaus ignorieren können, das aber ebenso unterhaltsam und bereichernd sein kann, wenn man sich bewusst als Darsteller integriert. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)

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