Alles für das Dorf

18.01.2013 | 18:35 |  Von Romana Ring (Die Presse)

Die Entstehung von Raum durch einen wohlorganisierten Wettbewerb ist keine Selbstverständlichkeit. Doch mit Mut und Sachverstand kann einiges in Gang gesetzt werden. So geschehen im Hausruckviertel.

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Ein Projekt von gut 4000 Quadratmeter Bruttogeschoßfläche und sieben Millionen Euro Errichtungskosten ist für eine Gemeinde wie das im Hausruckviertel gelegene Krenglbach mit seinen knapp 3000 Einwohnern keine Kleinigkeit. Wenn das Projekt überdies mit Krabbelstube, Volksschule, Hort, Bibliothek und Mehrzwecksaal einem Großteil des kulturellen Gemeindelebens Raum schaffen soll, wird es schnell zum politischen Zankapfel oder aber, wie hier, zu einer Herzensangelegenheit. Und wenn den Emotionen auch noch Mut und Sachverstand zur Seite stehen, entsteht Architektur, die über die Erfüllung der unmittelbar gestellten Nutzungsanforderungen hinausgehend das Leben bereichert und ein kleines Dorf auch hinsichtlich der Baukultur mit seiner Zeit verbindet.

Karl und Bremhorst Architekten haben einen nach EU-weitem Bewerbungsverfahren beschränkt ausgeschriebenen Architekturwettbewerb mit einem Entwurf gewonnen, der sich, so das Juryprotokoll, „. . . mit dem entsprechend proportionierten Baukörper und seinen Freiräumen überzeugend auf den Charakter des ländlichen Umfeldes im Dorfraum bezieht“. Tatsächlich nimmt das über rechteckigem Grundriss vierseitig einen Hof umschließende Gebäude die traditionelle Gehöftform der Gegend auf. Etwa in der Mitte seines zwischen der Krengelbacherstraße im Westen und dem bewaldeten Bachufer im Osten aufgespannten Bauplatzes gelegen, hält das Haus den Abstand eines breiten, nur teilweise als Parkplatz genutzten Vorplatzes zur Straße, während sich zum Bach hin ein Grünraum erstreckt. Im Westen zweigeschoßig angelegt, ist das Gebäude dem natürlichen Geländeverlauf angepasst, was ein weiteres, dem Garten zugeordnetes Geschoß im östlichen Trakt der Anlage ermöglicht.

Der Haupteingang des Hauses ist der Straße zugewandt. Hier betritt man das nahezu die gesamte Breite des Gebäudes einnehmende Foyer, das mit seinen Verglasungen den Blick zur Kirche und zum Gemeindeamt freigibt und den Innenhof überschaut. Die Organisation des Hauses wird somit beim Eintreten ebenso klar wie seine Lage im Ort, was gerade angesichts der Vielfalt der hier beherbergten Nutzungen von großem Wert ist. Der Turn- und Mehrzwecksaal nimmt, bei Bedarf um eine Galerie im Obergeschoß erweiterbar, den Nordtrakt des Gebäudes ein. Er ist wie die im ersten Stock untergebrachte Bibliothek unabhängig vom Schulbetrieb nutzbar. Auch der Hort und die Krabbelstube im Gartengeschoß des Osttraktes haben ihren eigenen Eingang. Der Innenhof stiftet Orientierung und Gemeinschaftsgefühl und wird in allen Geschoßen von Gängen flankiert.

Karl und Bremhorst Architekten haben in enger Zusammenarbeit mit der Lehrerschaft ein offenes Haus geplant, in dem das Lernen nicht ausschließlich an Klassenräume gebunden ist. So werden die Zimmer durch kleinere, variabel zuordenbare Gruppenräume verbunden. Die Gangflächen sind breiter als nötig. Sie werden nicht nur über die Glasfassade zum Innenhof erhellt, sondern treffen auch an mehreren Stellen auf die Außenwand und geben so Aufschluss über die Position im Ortsgefüge.
Gleichzeitig gewährt die Übersichtlichkeit des Hauses jene Freiheit, die aus dem Vertrauen der Lehrerschaft, die Dinge im Blick und damit die Sicherheit der Kinder weitgehend unter Kontrolle zu haben, erwächst. Der direkte Bezug zum Außenraum ist ein weiteres Gestaltungselement, das in enger Wechselwirkung mit dem pädagogischen Konzept der Schule steht. Der rundum verglaste Hof, der mit seinen Terrassen und Treppenanlagen die Topografie des Ortes nachvollzieht, ist während der Pausen ein beliebter Aufenthaltsort und kann für den Unterricht im Freien genutzt werden. Auch in den Klassen sind die Fensterflächen großzügig bemessen. Parapete von nur 35 Zentimeter Höhe gewähren den Schulkindern uneingeschränkten Blick ins Freie und dienen als Ablagefläche und Sitzgelegenheit. Die gesamte Möblierung ist mit Bedacht auf den Komfort der Nutzer gewählt und, mit Ausnahme der Tische und Sessel, von Karl und Bremhorst Architekten eigens entwickelt worden. Geradlinig und reduziert in der Farbigkeit bildet sie den ruhigen Hintergrund für einen bunten Schulalltag.

Ein Eichenholzboden im Obergeschoß, der dunkle Natursteinbelag im Erdgeschoß und Details wie die Bespannung von Pinnwänden und Rückzugsnischen mit Filz aus reiner Wolle sollen das Empfinden für den angemessenen Einsatz bodenständiger Materialien schärfen. Nach außen zeigt das Gebäude im Wechsel von Fensterband und geschlossener Fläche seine Verbundenheit mit der Moderne. Die gut gedämmte Hülle und eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sorgen zudem nicht nur für den zum Lernen notwendigen Sauerstoffgehalt der Luft in allen Räumen. Sie senken auch den Energieaufwand zum Betrieb des Hauses auf ein Niveau, das zumindest für öffentliche Gebäude in Oberösterreich mittlerweile Standard geworden ist.
Was leider auch hierzulande noch nicht zu den Selbstverständlichkeiten zählt, ist das hohe gestalterische und handwerkliche Niveau, auf dem Karl und Bremhorst Architekten ihr Wettbewerbsprojekt ausführen konnten. Hier kommt wieder das Herzblut der Krenglbacher ins Spiel. Anstatt ihre Verantwortung an einer ursprünglich dem Wohnbau verpflichteten Genossenschaft abzustreifen, haben sie die Wettbewerbssieger mit sämtlichen Planungsleistungen beauftragt und ansonsten das getan, was Entscheidungsträger mit Willen zur Qualität tun sollten: Sie haben ihre Rolle als Bauherrschaft von der Vorbereitung des Wettbewerbs bis zur Eröffnung des Hauses ausgefüllt. Mit Mut und Sachverstand. Zur Nachahmung empfohlen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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